Flusslandschaft 1986

Gedenken

Am 67. Gedenktag der Ermordung Kurt Eisners, des ersten Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern ohne Denkmal, versenkt Eckhard Zylla am 21. Februar 1986 ein drei Meter hohes Porträt Eisners in einem „Denkloch“ im Gehsteig der Kardinal-Faulhaber-Straße, dem Ort der tödlichen Schüsse. Zylla wird zu einer Geldbuße von DM 100.- verurteilt.1

Eine Veranstaltungsreihe zur Erinnerung an den Spanischen Bürgerkrieg beginnt am 1. Juli, mit dabei die Veteranin Martha Wüstemann von den Deutschen Anarchosyndikalisten in Spanien (Grupo DAS).2

Die Vertriebenenverbände veranstalten regelmäßig Kongresse, auf denen sie ihre landsmann-
schaftlichen Traditionen feiern, der Flucht und Vertreibung 1945 ff. gedenken und die Restitution ihrer verlorenen Heimaterde fordern. Nun hat allerdings die Bundesrepublik in den Verträgen von Moskau und Warschau, Berlin und Prag sowie in der KSZE-Schlussakte von Helsinki die Unantast-
barkeit der bestehenden Grenzen in Europa bestätigt, was die Vertriebenenverbände aber nicht von ihren Forderungen abhält. Umso empörter sind die Reaktionen, als bekannt wird, mit wel-
chem Betrag die Landeshauptstadt München den 37. „Sudetendeutschen Tag“ vom 16. bis 18. Mai unterstützt.3

Regelmäßig äußerten Jugendgruppen und Schulklassen den Wunsch, länger als nur wenige Stun-
den oder einen halben Tag in der KZ-Gedenkstätte Dachau bleiben zu können. So entstand Anfang der 80er Jahre die Idee, in Dachau eine Jugendbegegnungsstätte zu errichten. „Kuratorium konsti-
tuiert – In der KZ-Gedenkstätte Dachau hat sich das Kuratorium des Fördervereins Internationale Jugendbegegnungsstätte Dachau konstituiert. Ihm gehören u.a. Hans-Jochen Vogel (SPD), Hilde-
gard Hamm-Brücher (FDP), Jakob Deffner (DGB), Simon Snopkowski (Israelitische Kultusge-
meinden), Inge Aicher-Scholl und Eugen Kogon an. Unser Präsidium ist eine der 16 Mitglieder-
organisationen des Fördervereins. Dachaus Oberbürgermeister Reitmeier (parteilos) und Landrat Christmann (CSU) blieben der konstituierenden Kuratoriumssitzung fern. Die Dachauer CSU, Mehrheitspartei in der Stadt und im Landkreis Dachau, bekämpft das Projekt einer internationalen Jugendbegegnungsstätte in Dachau. Als Ablehnungsgründe gibt sie vor, eine Jugendbegegnungs-
stätte könne politisch missbraucht werden und bedeute ‚eine einseitige Abwälzung der Last der Vergangenheitsbewältigung auf die Stadt Dachau’.“4

Die Deutsche Friedensgesellschaft — Vereinigte Kriegsdienstgegner gedenkt am 6. August im Bennosaal des Löwenbräukellers am Stiglmaierplatz unter dem Motto „41 Jahre radioaktive Ver-
seuchung von Hiroshima … bis Tschernobyl“. Es sprechen Prof.Dr. Herbert Begemann von der Internationalen Ärztevereinigung zur Verhinderung eines Atomkrieges und Dr. Renate Jäckle, Mediziner gegen atomare Bedrohung, München.

Am 6. Jahrestag des Oktoberfestattentats zeigt am 26. September um 19 Uhr das Theater „k“ im Carl-Orff-Saal des Kulturzentrums am Gasteig sein Stück „Deutschland — wir kommen“. Dann sprechen Bürgermeister Klaus Hahnzog, Bernt Engelmann und IG-Metall-Vorstand Horst Klaus. Im Anschluss zieht ein Fackelzug zum Mahnmal an der Wiesn.

Arthur Förschler (CSU) hat im Oktober des letzten Jahres im Bezirksausschuss Haidhausen zur Erinnerung an Georg Elser ein Denkmal beantragt. Im Oktober 1986 wollen ihn die CSU-BA-Mitglieder aus dem Stadtviertelparlament rauswerfen.5

Im öffentlichen Diskurs um die NS-Vergangenheit weist die Auseinandersetzung um Verantwor-
tung und Schuld und die daraus zu ziehenden Konsequenzen einen erheblichen Anteil auf. Der verbreiteten „Unfähigkeit zu trauern“ begegnete die Generation der um oder nach 1945 geborenen mit wütenden Interventionen, die wiederum eine Welle heftigster Vorwürfe auslöste: Wer nicht dabei gewesen sei, könne nicht mitreden, könne nicht urteilen. Allerdings fällt auf, dass einige, die „dabei gewesen waren“ und denen es gelang, sich nach 1945 auf äußerst geschickte Art eine neue Biographie zu erfinden, in der BRD erfolgreich politische Karriere machten. Bundeskanzler Kie-
singer war im NS-Regime wesentlich engagierter, als es die Legende seiner Biographie später be-
hauptete.6 Franz Josef Strauß war immerhin am 1. Juni 1944 zum Oberleutnant befördert worden war, wurde im selben Jahr Chef der Stabsbatterie und „Offizier für wehrgeistige Führung“ (seit Ende November 1943 als „Nationalsozialistischer Führungsoffizier“ bezeichnet) an der Flak-Artil-
lerie-Schule IV in Altenstadt. Nach 1945 korrigierte er seine Rolle im NS-Regime und erzeugte den Anschein einer unbedingten NS-Gegnerschaft. Wir können feststellen, dass Politiker mit weißge-
waschenen Biografien besonderen Wert darauf legen, die Vergangenheit „endlich Ruhen zu lassen“ und dafür lieber optimistisch in die Zukunft zu sehen.7 Allerdings ernten sie damit immer auch Widerspruch.


1 Siehe „Eisner-Denkmal: CSU verfälscht Geschichte“ von Wolfgang Peschel. Vgl. tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 154 vom April 1986, 30 (dabei zwei Fotos von Harald Frey).

2 Siehe „1. juli“.

3 Siehe „Gewährung eines Zuschusses für den 37. Sudetendeutschen Tag …“.

4 antifaschistische rundschau. Mitgliederzeitschrift der VVN — Bund der Antifaschisten 6 vom Juni 1986, 14.

5 Siehe „Säuberung im ZK der Haidhauser CSU: Arthur Förschler (CSU) wehrt sich“.

6 Vgl. Beate Klarsfeld, Die Geschichte des PG 2 633 930 Kiesinger. Dokumentation mit einem Vorwort von Heinrich Böll, Darmstadt 1969.

7 Siehe „Die Vergangenheit in der Versenkung verschwinden lassen …“ von Franz Josef Strauß.