Flusslandschaft 1986

Internationales

Allgemeines
USA und Haiti
Libyen und die USA
Türkei
Nordamerika
El Salvador
Nicaragua
USA und Bolivien
Chile
Südafrika
Afghanistan und die UdSSR
Kolumbien


24. Mai: Demonstration von Amnesty International (ai).1

Im Kölner Volksblatt Verlag erscheint das Buch „Hoch die internationale Solidarität. Zur Ge-
schichte der Dritte-Welt-Bewegung in der Bundesrepublik“ von Werner Balsen und Karl Rössel.

USA und HAITI

Nachdem in Haiti der seit 1971 herrschende Sohn von François „Papa Doc“ Duvalier, »Baby Doc« Jean-Claude Duvalier, im Februar 1986 nicht mehr zu halten ist, installieren die USA eine Militär-
junta.

LIBYEN und die USA

In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1986 führen die USA einen Luftangriff auf die libyschen Küstenstädte Tripolis und Bengasi aus. Die Bombardierungen fordern mindestens 40 zivile Opfer, darunter die Tochter von Staatschef Muammar el Gaddafi.

Am 15. April versammeln sich etwa siebenhundert Menschen auf dem Marienplatz und ziehen
von dort als Spontan-Demo zum US-Generalkonsulat in der Königinstraße 5 – 7, um gegen die Luftangriffe auf Libyen zu protestieren. Etwa fünfzig ziemlich schwarz gekleidete Unbekannte werfen Eier und Knallkörper gegen das Gebäude, richten aber keinen Schaden an. Dann, nach einigen Reden, ziehen spontan etwa fünfhundert Menschen weiter zum Isartorplatz, blockieren kurzfristig eine Kreuzung und werfen Eier auf Polizisten, die drei Demonstrationsteilnehmer festnehmen und den Versammlungsleiter anzeigen, weil der Ablauf der Veranstaltung ursprünglich anders vereinbart war.2 — Am 16. April protestieren 3.000 Menschen gegen die US-amerikanische Militäraktion gegen Libyen.3

„… Dies zu den Ursachen des Terrorismus, nach denen so umständlich an den falschen Orten ge-
sucht wird: Völker, die nur eines satt haben, nämlich ihr Leben und ihre Würde an den Märkten der Aktien und Aktionen abbröckeln, glattstellen oder mitnehmen zu lassen; die sich wehren, ohne den anerkannten Regeln zivilisierten Totschießens, Verstümmelns und Verbrennens zu folgen, welche den libyschen Botschafter zwängen, im State Department eine Kriegserklärung zu überrei-
chen und zehn Minuten später Tripolis als Sandwolke auf Kairo zutreiben zu sehen. Wie Hochver-
rat eine Frage des Datums, ist Terror eine der Geographie. Weder Heimtücke noch die Unschuld der Opfer unterscheiden die »Hydra des Terrorismus« (Kohl) von den ordentlichen Kriegen, deren Orden noch getragen werden: vom sechshunderttausendfachen Hungertod in Leningrad, von Hiro-
shima und Nagasaki, von My Lai. Nein, es geht ihnen (den USA) gar nicht gut. Die Völker, die einst den amerikanischen Traum zu finanzieren hatten, wollen oder können nicht mehr; die eigene Öko-
nomie bietet selbst im Aufschwung Millionen nur noch die Chance, Tellerwäscher zu werden; Mit-
tel für Investitionen in neue Technik müssen bei den Verbündeten gepumpt werden, die aber im-
mer mürrischer reagieren, weil es nach Enteignung zu riechen beginnt. Und so findet sich die Weltmacht Nr. 1 plötzlich umgeben von einer Welt hassender Feinde und zögerlicher Freunde; nur Gott ist noch mit ihr, weil er so schnell aus seinem Vertrag mit Warner Bros. nicht rauskommt. Der Krieg der Schwachen, den die Hersteller von Atomraketen und binären Giftgasen … »Terrorismus« nennen, hat erst begonnen. Er ist so schrecklich wie jeder Krieg. Warum aber die Geschäftsleute und Touristen in einer TWA-Maschine den Status des Kombattanten weniger verdienen sollen als ein Bauer in Nicaragua oder ein Kind in Haiphong, brennend im Napalm-Regen, will ich nicht ein-
sehen.“4

TÜRKEI

In der Türkei gehen die Verfolgungen weiter, sitzen Tausende, unter ihnen sehr viele Gewerkschaf-
ter, auf der Anklagebank.5

NORDAMERIKA

Der alltägliche Rassismus gegen indigene Völker in Nordamerika wird von Strategien der politi-
schen Administrationen gegen die Ureinwohner in den Schatten gestellt. Nicht einmal vertraglich vereinbarte Rechte könne diese in Anspruch nehmen. Und wenn sie auf ihre Rechte beharren, werden sie verfolgt, kriminalisiert, vor Gericht gezerrt und verurteilt, nicht selten getötet. In München entsteht im Mai die Big Mountain Aktionsgruppe, schon bald umbenannt in Aktions-
gruppe Indianer und Menschenrechte
(AGIM), deren Ziel es ist, Solidaritätskampagnen für die Rechte und Selbstbestimmungsrechte der Indianer zu führen.6

EL SALVADOR

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Die Regierung Duarte schafft es auch nicht mit allen Mitteln des Terrors die „Subversivos“ der Gewerkschaftsbewegung und der Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional (FMLN) zu besiegen. Weltweit unterstützen soziale Bewegungen den Befreiungskampf der Salvadoriane-
rinnen und Salvadorianer. „Spendenaufruf – In San José de las Flores hat die salvadorianische Lehrergewerkschaft ANDES eine Schule aufgebaut, die dringend notwendig ist, da von den Ein-
wohnern nur ein Bruchteil lesen und schreiben kann, Hygieneunterricht erteilt werden muss, psy-
chische Probleme, bedingt durch den 7jährigen Krieg, aufgearbeitet werden müssen, politische Bildung unterrichtet werden muss usw. Der Unterhalt einer solchen Schule für ein Jahr kostet alles in allem ca. 25.000,- DM. Der Fortbestand und der Aufbau weiterer solcher Schulen ist für den Demokratisierungsprozess in El Salvador von größter Bedeutung. Konkrete Solidarität in Form einer Partnerschaft für diese Schule ist gefragt. Bitte diskutiert diesen Vorschlag in Euren Kreisver-
bänden!!! Jede Mark ist für die Fortsetzung dieser Projekte notwendig!!! – Spendenkonto: Bank für Gemeinwirtschaft München, GEW-Oberbayern, Schwanthalerstraße 64, 8 München 2, Konto-
Nr. 170 20 98 500, Stichwort ,EI Salvador – ANDE’“8

NICARAGUA

Viele Münchnerinnen und Münchner engagieren sich in der Solidaritätsarbeit für Mittelamerika. — 10. Juni: Ungenehmigter Demonstrationszug gegen die US-amerikanische Nicaragua-Politik.9

Die Münchner Bert-Brecht-Brigade errichtet in der Region Rio San Juan in Nicaragua zwei Grundschulen in Morillo sowie in Boca de Sabalo und fügt der Lehrerbildungsstätte in San Miguel einen Anbau an.

USA und BOLOVIEN

US-Armee-Einheiten kontrollieren weite Teile von Bolivien, angeblich um den Kokainanbau und -handel zu bekämpfen.

CHILE

ai veranstaltet am 11. September auf dem Marienplatz eine Kundgebung gegen die Diktatur in Chile.10

SÜDAFRIKA

Im November 1985 behauptete der Gastdozent der Münchner Fachhochschule Otto Freundl, dass in Südafrika Demokratie herrsche. Studenten protestierten. Seitdem kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen über die politischen Verhältnisse im Apartheids-Staat. – Besonders in Südafrika werden die Auseinandersetzungen zwischen dem Apartheids-Regime und der Mehr-
heitsbevölkerung immer heftiger. Vor dem südafrikanischen Generalkonsulat in München befand sich am 28. April 1986 eine Mahnwache,11 ebenso am 16. Juni 1986.12

16. Mai: Großaktionstag „kein Geld für die Apartheid“, Bankenboykottag mit Demonstration vom Rosenheimer Platz zum Südafrikanischen Konsulat am Sendlinger Tor – Es kommt zu Boykottauf-
rufen südafrikanischer Waren.13

„Postkartenaktion gegen Umschuldungen mit Südafrika – Seit mehreren Jahren bemüht sich der Arbeitskreis ‘Kein Geld für Apartheid’ um Aufklärung in Sachen Finanzierung der Apartheid; unser Ziel ist es, Banken und Sparkassen in der Bundesrepublik dazu zu bewegen, auf Geschäfte mit der Apartheid in Namibia und Südafrika zu verzichten. Im Südafrikageschäft haben sich DEUTSCHE BANK, DRESDNER BANK, COMMERZBANK, WESTDEUTSCHE LANDESBANK/GIROZEN-
TRALE, BERLINER HANDELS-FRANKFURTER BANK, BAYERISCHE VEREINSBANK und BAYERISCHE HYPOTHEKEN- UND WECHSELBANK besonders hervorgetan. — Auch Sie können zur Beendigung der Apartheid beitragen:
O Fragen Sie lhre Bank oder Sparkasse, ob sie Südafrikageschäfte macht oder daran – auch indirekt – beteiligt ist.
O Wenn ja: Machen Sie lhrer Bank klar: Nicht mit meinem Geld!
O Wechseln Sie gegebenenfalls zu einer ‘sauberen’ Bank oder Sparkasse.
O Kaufen Sie keine südafrikanischen Wertpapiere und Krügerrand-Goldstücke.
O Beteiligen Sie sich an der Postkartenaktion gegen Umschuldungen in Südafrika.
Postkarten erhältlich bei: Arbeitskreis ‘Kein Geld für Apartheid’, Siegesstraße 9, 8000 München 40, Tel.: 089-396208/394635.“14

Am 24. November 1986 soll in der Münchner Fachhochschule (FH) ein Diavortrag zu sehen sein mit dem Titel: „Südafrika: eine Welt in einem anderen Land – unpolitische Betrachtungen über ein wunderschönes Land“. Studentenvertreter versuchen schon im Vorfeld, über diese die Zustände in Südafrika verharmlosende Werbeveranstaltung mit der FH-Leitung zu diskutieren. Diese will ihre Veranstaltung durchziehen. Nachdem etwa zehn Studenten über das Gezeigte am 24. diskutieren wollen, ruft Fachbereichsdekan Roeder die Polizei. Die zehn werden abgeführt, aber neue Studen-
ten nehmen ihren Platz ein. Schließlich bricht der Vizepräsident der FH frustriert die Veranstal-
tung ab. Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs werden später wieder zurückgezogen.

Am 10. Dezember halten die Münchner Südafrika-Gruppen eine Mahnwache vor dem Generalkonsulat ab.15

AFGHANISTAN und die UdSSR

Die US-Regierung rüstet seit Mitte der 80er Jahre die Mudjaheddin mit hochentwickelten High-
tech-Waffen aus; die CIA versorgt sie mit Satellitenbildern und Plänen militärischer Ziele der Sowjets sowie mit Plänen des Territoriums der UdSSR, damit diese für Sabotageakte dort ein-
dringen. In Pakistan, aber auch in den USA werden Gotteskrieger in Guerillatechniken ausgebildet.

27. Dezember: Demonstration zum 7. Jahrestag der Besetzung Afghanistans durch sowjetrussische Truppen.16

KOLUMBIEN

In diesem Jahr werden mehr als Tausend Studentinnen und Studenten, Professorinnen und Pro-
fessoren, Gewerkschafter, Sympathisantinnen und Sympathisanten politischer Parteien der Opposition und von Bürgerinitiativen, aber auch Schwule und illegale Landbesetzer von para-
militärischen Gruppen, Todesschwadronen sowie Mitgliedern von Militär und Polizei ermordet.


1 Vgl. Süddeutsche Zeitung 118/1986.

2 Vgl. Süddeutsche Zeitung 87/1986.

3 Vgl. Münchner Merkur 88/1986.

4 konkret 5 vom Mai 1986, 3.

5 Siehe „Gewerkschaftsbewegung auf der Anklagebank“.

6 Siehe www.agim-online.de/

7 Plakatsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

8 Links. Sozialistische Zeitung 213 vom Dezember 1987, 41.

9 Vgl. Münchner Merkur 131/1986.

10 Stadtarchiv, Fotosammlung, Zentralbestand Ereignisfotografie-Politik.

11 Vgl. Süddeutsche Zeitung 98/1986. Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

12 Vgl. Süddeutsche Zeitung 136/1986.

13 Siehe Gerstenbergs „Blut-Orangen unterm Weihnachtsbaum“.

14 links. Sozialistische Zeitung 199 vom Oktober 1986, 4.

15 Siehe „Erfahrungen der Münchner Südafrika-Gruppen ‚Frauen für Südafrika – gegen Apartheid’ mit Polizei und Ordnungsamt“ von Ingrid Ammon.

16 Vgl. Süddeutsche Zeitung 296/1986.