Flusslandschaft 1988

Umwelt

„30. Januar: Mit einer ‚Schalldemonstration’ protestieren im Norden rund 150 Personen gegen den Bau des Rangierbahnhofs in Allach. Während eines Demonstrationszugs durch die lärmbedrohten Gebiete werden von einem Lautsprecherwagen aus Rangiergeräusche abgespielt, die den Anwoh-
nern einen Eindruck davon vermitteln sollen, was auf sie zukommt.“1

„6. Februar: Der ‚Bund der Fußgänger’ lässt Mitglieder demonstrativ auf der Fahrbahn spazieren als Gegenaktion zum Parken von Autos auf Gehsteigen und als Mahnung zur gegenseitigen Rück-
sichtnahme von Autofahrern, Radlern und Fußgängern.“2

Die WAA ist weg vom Fenster. Das macht Mut. Bürgerinnen und Bürger machen jetzt gegen eine Aluminium-Wiederaufbereitungsanlage mobil.3

Der 1966 in München geborene Michael Hartmann geht mit seiner Freundin Regine im März 1988 spazieren. Mitten auf dem Bürgersteig steht ein Auto, um das sich die beiden herumquetschen müssen. Hartmann ist wütend und beschließt, das nächste Auto, das auf dem Bürgersteig steht, einfach zu übersteigen. „Regine lachte und sagte, ich sei verrückt. Mir hingegen hatte der Aufstieg auf solch ein Auto das Gefühl gegeben, doch nicht ganz so machtlos gegen die Blechlawine zu sein. Und ich beschloss, ab diesem Tag über jedes Auto hinwegzusteigen, welches sich mir auf dem BürgerInnensteig in den Weg stellte …“4 Am 18. August wird Hartmann in Traunstein von einem Auto überfahren, liegt elf Tage im Koma, erholt sich dann aber in der zweiten Jahreshälfte wieder. — Hartmann legt sich nicht nur mit Autofahrern an, er sensibilisiert auch Fußgängerinnen und Fußgänger und motiviert zur Initiative.5


1 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 25, 1, 12. Siehe dazu auch „Biotope statt Gewerbe um den Rangierbahnhof!“.

2 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 31, 1, 5, 11.

3 Siehe „Keiner will den Schmelztiegel“ von Helmar Klier.

4 Michael Hartmann, Der Autogeher. AutoBiographie eines AutoGegners. März 1988 bis Juli 1997, München 1997, 11.

5 Siehe „Gewalt durch Sachen“ von Corinne Gaede, Irmgard Kirmer, Brigitte Demmel und Josef Eckart.