Flusslandschaft 1992

Kunst/Kultur

Mitglieder der Aktion Lebensqualität1 gehen häufig in öffentlich zugängliche Veranstaltungen und stellen kritische Fragen: „… Im Gewerkschaftshaus liegen bei der Veranstaltung mit dem Kulturre-
ferenten der Stadt München bereits 35 bis 40 schriftliche Wortmeldungen von geladenen Gästen vor, bevor er überhaupt ein Wort gesagt hat. Das Motto ‘Zuhören, nachdenken, diskutieren’ wird lächerlich angesichts der Tatsache, dass sich das gewöhnliche Volk nur durch lautstarken Protest Zugang zum Mikrofon verschaffen kann. Nicht einmal die Betriebsgruppe Freie Theater der IG Medien darf die ‘Kopernikanische Wende in der Münchner Kulturpolitik’, die seit Amtsantritt dieses sozialdemokratischen Kulturmanagers eingetreten sein soll, in Frage stellen, ohne beleidigte Reaktionen hervorzurufen.“2

Helmut Ruge vermutet, dass in München deshalb so selten protestiert wird, weil es in der Stadt so viele exzellente kritische Kabaretts gibt.3

THEATER

In einer Vorstellung des Residenztheaters erhebt sich am 23. Januar erregt ein kräftiger Herr, verlässt seinen Platz in der Mitte der zweiten Reihe, geht am Rande der Zuschauerplätze bis zur fünften Reihe, packt einen dort sitzenden etwas schmächtigeren Mann und zerrt ihn auf den Flur.4

LITERATUR

Der Zusammenbruch der Warschauer-Pakt-Staaten bewirkt bei vielen, die in der Sowjetunion eine gute Alternative zum kapitalistischen Westen sahen, unterschiedliche Reaktionen. Einige wenige drehen sich um 180 Grad und werden zu glühenden Propagandisten einer neoliberal befreiten Marktwirtschaft, einige wenige schließen sich obskuren Sekten an, bei manchen stellt sich eine trotzige „Jetzt-erst-recht-Haltung“ ein, einige resignieren und ziehen sich ins Privatleben zurück, nicht wenige fallen in Depressionen. Am 13. Mai beendet Gisela Elsner ihr Leben, aber sicher nicht nur wegen der politischen Zeitenwende.5

MUSIK

Karl Forster: „München hat heute nur ein einziges Jazzlokal: Die »Unterfahrt« in Haidhausen. Dort passen vielleicht 50 Leute rein, wenn sie nicht nur zuhören, sondern auch zusehen wollen. Mehr hat die Millionenstadt München ihren Jazzfans nicht zu bieten, es sei denn, sie zahlen 80 Mark für ein Konzert mit Friedrich Gulda in der Philharmonie. – Einer Stadt, die Straßenmusik nur mit Bürokratenbescheinigungen zulässt, fehlt jener fruchtbare Sumpf, aus dem die Blüten sprießen. In den Metrostationen von Paris wurde generationenlang Lambada gespielt, bevor man Lambada erfand. In Münchens U-Bahnhöfen dürfen jetzt nach einer vielbeklatschten Aktion des Stadtrats erstmals Musiker ihre Instrumente auspacken. Bis wieder irgend jemand kommt und sagt, dies sei »soziallästig« – ein Wort, das wir noch aus Gauweilers Kampf gegen Obdachlose (nicht gegen Obdachlosigkeit) kennen. – München ist keine Stadt der Musik. Dafür sorgt schon der Bayerische Rundfunk, dessen oberster Gebieter in Sachen U-Musik so wenig Ahnung hatte, dass er nicht mal mehr als Witzfigur taugte. Die Hände des Münchners sind müde vom Mitklatschen zu Peter Maffays Keimfrei-Pop, seine Lippen sind blutig vom Hast-du-mich-gesehen-Bussi, die Augen halbblind vom Da-schau-her-Blinzeln, die Ohren taub vom Geklirre der Maßkrüge. Münchens Herz schlägt im Rhythmus des Schäfflertanzes und nicht der Rockmusik. München hat wirkliche Musik nicht verdient.“6

BILDENDE KÜNSTE und AKTIONEN

Der 1952 in Dornbirn, Vorarlberg, geborene Wolfgang Flatz richtete im Dezember 1984 in München den Friseursalon „Rosana“ nicht nur mit von ihm entworfenen Möbeln ein, sondern ersetzte die sonst üblichen Spiegel durch Videokameras bzw. -Monitore. In der Folge entwarf er auch Bühnenbilder, etwa an den Münchner Kammerspielen. Mit Florian Aicher und Uwe Drepper gewann er den Architekturwettbewerb zur „Laimer Unterführung“, realisierte die Videoskulptur „Modell America“, einen elektrischen Stuhl, bei dem ein Verurteilter im Todeskampf zu sehen ist und konzipierte Ausstellungen. Sein Stück „Demontage II“ wurde in verschiedensten Variationen aufgeführt. In der Rosenheimer Fassung von 1987 durchbrach Flatz mit einem Presslufthammer eine Mauer, während eine Sopranistin Lieder deutscher Klassiker sang. Anfang der 90er Jahre verkaufte er „Softkiller“, den ersten kaufbaren Computervirus. Dieses Programm wurde für 1.800 DM je Diskette im 20er Diskettenpack verkauft. Nach dem Start zeigte der Virus den Kopf des Künstlers und einige Warnungen. Überging der Anwender diese wiederholt, so löschte „Softkiller“ die Festplatte und zerstörte sich selbst. Sogar bayrische Behörden wurden auf das Programm aufmerksam und prüften, ob der Tatbestand der Computersabotage erfüllt ist. Flatz reibt sich an gesellschaftlichen Strukturen und äußert sich über die Stadt, in der er lebt.7

Der Münchner Holzbildhauer Rudolf Wachter stellt 1992 an der Tegernseer Landstraße/Ecke Edelweißstraße seinen „Hängenden Turm“ auf, einen sechseinhalb Meter hohen, knapp zwei Meter dicken Baumstamm mit leichter Neigung. Nach Protesten von Anwohnern lehnt der Kreistag des Landkreises München den Ankauf der Großplastik ab.


1 Siehe „Der Kaiser ist ja nackt!“.

2 Kritik ist unerwünscht: 20 Beispiele für die Gegenaufklärung In: der zeitgenosse 3. Kulturprogramm der Aktion Lebensqualität 1992, Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.

3 Siehe „Kurstadt oder Kulturstadt“ von Helmut Ruge.

4 Siehe „Sind Sie durchgeknallt oder im Dauerrausch, Herr Schmitt?“ von Wolfgang Spielhagen.

5 Siehe „Gisela Elsners Tod – ein tragisches Lehrstück“ von Rolf L. Temming, „Zum Ableben von Gisela Elsner“ von Erich Wiechmann und „Als wäre gerade dies, der Mensch, das allerschlimmste“ von Gerhard Armanski. Vgl. auch Waldemar Fromm: "Deutschlandbilder und Familiengedächtnis. Anmerkungen zu Gisela Elsner anlässlich ihres 75. Geburtstages. Mit einem Auszug aus ihrem unveröffentlichten Roman ‚Im gelobten Land’ in: Freunde der Monacensia e.V., Jahrbuch 2012, München 2012, 97 ff.

6 Karl Forster, 5/4takt. In: Friedrich Köllmayr/Edgar Liegl/Wolfgang Sréter (Hg.), Soblau. Kulturzustand München, München 1992, 167 ff., hier 170.

7 Siehe „Was die Masse meint, ist nie verkehrt“ von Flatz.