Flusslandschaft 2002

Gewerkschaften/Arbeitswelt

Allgemeines
DGB

- Banken
- Druckindustrie
- Siemens


VERGEBENS

Den Wolf zu
streicheln
ändert nichts
an seinem
Appetit

Knut Becker1

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Das Unwort des Jahres 2002 lautet „ICH-AG“. Damit ist gemeint, dass das Individuum innerhalb der Konkurrenzen permanent am Kurswert der eigenen Person zu arbeiten hat. Jeder ist sein eigener „Unternehmer“. Solidarität bleibt auf der Strecke.

DGB

Am Ersten Mai demonstrieren etwa 4.000 Menschen. Bei der Hauptkundgebung auf dem Marienplatz sieht der zum 9. Mal eingeladenen Oberbürgermeister Christian Ude, der im Februar das Demonstrationsrecht anlässlich der sogenannten „Sicherheitskonferenz“ erfolglos hat auf-
heben lassen, ein riesiges Transparent junger Gewerkschafter mit der Aufschrift „Wir lassen uns das Demonstrieren nicht verbieten! … Herr Ude. Weder zur NATO-Tagung noch am 1. Mai“. Nachdem Ude ans Mikrofon tritt, entsteht ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert; Buhrufe sind zu hören „Schäm Dich!“, so dass er sein „Grußwort“ nach einer kurzen Beschimpfung der „30 Störer winziger Gruppen“ abbrechen muss. Eine große Anzahl von Polizisten – teils im Kampfanzug – bewacht die Veranstaltung.2

Von Seiten der CSU gibt es für die Gewerkschaften nur Häme.3

BANKEN

Im Tarifkonflikt des Bankgewerbes startet ver.di am 26. Juli eine neue Streikwelle. In Berlin und München bleiben mehrere hundert Bankfilialen geschlossen. In Berlin befinden sich rund 2.000 Bankangestellte im Ausstand, in München nehmen mehr als 1.000 Streikende an einer Kundge-
bung teil. In der bayerischen Landeshauptstadt können der Gewerkschaft zufolge mehr als 100 Bankfilialen nicht aufmachen, darunter alle 47 Filialen der Dresdner Bank sowie Geschäftsstellen der HypoVereinsbank und der Volksbank München. Der ver.di-Verhandlungsführer Hinrich Feddersen fordert die Arbeitgeber des privaten Bankgewerbes auf, ohne Vorbedingungen an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Die Tarifgespräche waren von der Gewerkschaft am 13. Juni für gescheitert erklärt worden. Auch Sondierungsgespräche am 13. Juli führten zu keinem Ergebnis.

DRUCKINDUSTRIE

Es kommt im Mai zu Warnstreiks in der Druckindustrie.4

SIEMENS

Im August erhielten 2.600 der 6.700 Beschäftigten bei Siemens ICN (Information and Communi-
cation Networks) und ICM (Mobilfunk) die Kündigungen. „Begründung: Im IC-Bereich gebe es einen massiven und anhaltenden Markteinbruch (das Ende der New Economy) und die Geschäfts-
zyklen hätten sich hier von sieben auf zwei bis drei Jahre verkürzt; dies führe dazu, dass die Zeiten für die Entwicklung neuer Produkte länger seien als die Zeiten ihrer Vermarktung … Die Beleg-
schaft müsse reduziert werden auf eine kleine Kernmannschaft mit einer hochflexiblen Leiharbei-
terschaft am Rande, die formell nicht mehr zu Siemens gehöre.“5

Im Oktober demonstrieren 2.500 „Siemensianer“ vor der Konzernzentrale am Wittelsbacherplatz. Auf einem Transparent heißt es: „Siemens feuert 2600 Mitarbeiter. Wir fordern 4-Tage-Woche statt Kündigungen.“ Daraufhin kann der Betriebsrat zwei Betriebsvereinbarungen abschließen.6

Am 11. November kommt der Tag der Blauen Briefe. Ein Betroffener schreibt: „Die Schockwelle läuft wie nach einer Explosion unsichtbar, aber von jedem spürbar durch unsere und uns bekannte Nachbarabteilungen. Der Betrieb ist heute paralysiert; viele wissen es, dass sie betroffen sind, viele haben noch keine Nachricht. Die, die damit gerechnet haben, sind in der Lage Erste Hilfe zu leisten, reden, reden, reden … Die, die nicht damit gerechnet haben, laufen in einer Art Trance- und Schockzustand herum, bei denen, die halb damit gerechnet haben, arbeitet das Gehirn auf Hochtouren, ‚es denkt’ sozusagen von selbst, und kann nicht aufhören zu denken. Eine ganze betroffene Abteilung (darunter viele zwischen 48 und 54 Jahre) hat die Arbeit fallen lassen. Teilweise wurden ganze Gruppen fast vollständig aufgelöst. Unsere existiert praktisch auch nicht mehr. Es ist, als ob ein Leonidensturm über uns hinweggefegt ist oder ein Meteor eingeschlagen hat.“7

Daraufhin organisieren Beschäftigte und Entlassene das Beschäftigtennetz NCI (Network, Cooperation, Initiative), das weitere Informationen verbreitet, Gruppenzusammenhalt fördert, Diskussionen anzettelt, über die Rechte der Beschäftigten informiert und Proteste und Gegenwehr organisiert.

„Übrigens: Siemens schrieb 2002 einen Rekordgewinn von 2,6 Milliarden Euro nach Steuern -
das zweitbeste Ergebnis in der Firmengeschichte.“8


1 Knut Becker, Dienstagstexte, Rothenbuch 2002, 12.

2 Siehe „erster mai“.

3 Siehe „Wut und Ohnmacht der Genossen“ von Manfred C. Hettlage.

4 Siehe „Steinhausen unter Druck“ von Sibylle Endres.

5 Soz. Sozialistische Zeitung 6 vom Juni 2003, 10.

6 Siehe „Siemens AG München: Bericht aus der Hofmannstraße“.

7 Soz. Sozialistische Zeitung 9 vom September 2003, 9.

8 Soz. Sozialistische Zeitung 6 vom Juni 2003, 10.