Flusslandschaft 1980

Alternative Medien

Der Direktor der städtischen Bibliotheken veranlasst mit dem „dämlichsten aller Argumente“, es sei „prokommunistisch“, dass das Blatt aus den Filialen Milbertshofen, Fürstenried und Harthof entfernt wird.1 — Für den presserechtlich Verantwortlichen des Blatt erfolgt im Februar ein Strafbefehl über 400 DM. Zugleich finden Ermittlungen gegen Blatt 177, 178 und 179 statt.2 — In der Bild vom 13. März meint Bürgermeister Winfried Zehetmaier (CSU): „Das BLATT ist laut Innenministerium eine ‚linksextreme Schrift der undogmatischen Szene der Neuen Linken und verfassungsfeindlich’ …“

Im und nach dem „Deutschen Herbst“ 1977 erkennt jeder kritische Zeitgenosse, dass alle Berichte in der bundesdeutschen Medienlandschaft mehr oder weniger die Sprachregelungen der Regierung und der Exekutive übernehmen und wiedergeben. Anderslautende oder alternative Meinungen finden gerade mal in Szeneblättern, die ständig mit Repression bedroht und verfolgt werden, ein begrenztes Forum. Um einer „linken Gegenöffentlichkeit“ den Ausbruch aus diesem Ghetto zu ermöglichen, werden immer häufiger Piratensender eingesetzt. Am 25. März wird der dreiundzwanzigjährige Jan van de Loo verhaftet. Er hat einen Volkshochschulanfängerkurs in Elektronik besucht, eine kleine Werkstatt angemietet und damit begonnen, einen Sender zu basteln. Nun sitzt er in Untersuchungshaft.3 Erst nach einem halben Jahr beginnt der Prozess. Bis jetzt wurden Verstöße gegen das Fernmeldeanlagegesetz (FAG) immer mit Geldbußen geahndet. Ganz offensichtlich will die Staatsanwaltschaft ein Exempel statuieren.4 Ende Oktober erfolgt das Urteil. Jan bekommt acht Monate Haft, die noch abzusitzenden Wochen sind gegen eine happige Buße von 15.000 Mark zur Bewährung ausgesetzt.5 Rechtsanwalt Hartmut Wächtler geht selbstverständlich in Revision.

„Ans Blatt! Hört sofort auf, das Blatt auf Umweltschutzpapier zu drucken! Sonst können wir eure Zeichnungen nicht mehr raubdrucken! Wir brauchen die aber dringend zum Lay-Out! Vielen Dank! Schülerzeitung Adam’s Blättler“6

Am 26. September um 22.19 Uhr explodiert in einem Papierkorb am Haupteingang des Oktoberfest eine Rohrbombe. Es gibt Tote und Verletzte. Die neue Nummer des Blatt. Stadtzeitung für München 182 weist einige wenige Texte auf, dafür viele leere Seiten, Ausdruck von Fassungs- und Sprachlosigkeit. Zunächst erreichen die Redaktion nur wütende Protestschreiben, etwas später melden sich ein paar, die anmerken, dass diese Form genau ihrem Empfinden entsprochen habe.


1 Vgl. Blatt. Stadtzeitung für München 166 vom 22. Februar 1980, 5.

2 Siehe www.ur.dadaweb.de/dada-p/P0000901.shtml.

3 Siehe „Stellungnahme“ von Jan van de Loo.

4 Siehe „antrag auf einstellung des verfahrens bezüglich des fernmeldeanlagengesetzes“, „Prozesserklärung“ und „Beweisantrag“ von Jan van de Loo.

5 Siehe „schlusswort“ von Jan van de Loo und „Prozess gegen Piratensender“ von Stefan Haug.

6 Blatt. Stadtzeitung für München 175 vom 4. Juli 1980, 33.

Überraschung

Jahr: 1980
Bereich: Alternative Medien