Flusslandschaft 1970

Internationales

Allgemeines
Biafra
Vietnam, Kambodscha und USA
Israel und Palästina
Griechenland
Mexiko
Iran und USA
Indonesien
Chile und USA
Spanien und Euskadi


Am 5. März 1970 trat der Atomwaffensperrvertrag in Kraft. Die an der Vertragsausarbeitung beteiligten USA, Sowjetunion und Großbritannien machen aber keine Anstalten, auf ihre Atom-
waffen zu verzichten. Daraus folgt, dass einige Schwellenländer dem Vertrag nicht beitreten wollen.

Der Ostermarsch ’70 wird zum erstenmal nicht von der KfDA, sondern von der „Aktion Ostern 70“ veranstaltet, einem Zusammenschluss von siebenundzwanzig Organisationen. Sie beginnt am 21. März mit einer Auftaktkundgebung in der Barbarastraße, auf der Heinz Huber redet. Dann geht es weiter zum Amerikahaus mit einer Zwischenkundgebung und schließlich zum Alten Botanischen Garten. Der Ostermarsch ist Abschluss einer internationalen Vietnam-Solidaritätswoche mit vielen Veranstaltungen. Die Losungen sind: „Keine Mark und keinen Mann für den Krieg in Vietnam“, „Für den sofortigen, bedingungslosen, vollständigen Abzug aller US-Truppen aus Vietnam“, „Atomwaffen-Sperrvertrag ratifizieren“ und „DDR anerkennen“.

Paternalistische Pädagogik ist von gestern. Seit einigen Jahren leitet der in München ansässige Rolf Gramke im Hamburger Überseekolleg Seminare zur Vorbereitung von Entwicklungshelfern im Ausland. Am 9. November 1960 entstand die Arbeitsgemeinschaft für Dienste in Übersee evangelischer Kirchen in Deutschland. Die erste Vorbereitungskurs fand im April 1961 statt, im Juli 1970 organisiert Gramke ein Seminar für den Deutschen Entwicklungsdienst in Hamburg,
das exemplarisch eine neue Selbstorganisation von Seminarteilnehmern einübt. Kursteilnehmer erwarten traditionelle Strukturen, fordern von Autoritäten vermitteltes Faktenwissen und prote-
stieren heftig gegen die ihnen zunächst nicht einsichtige neue Art der Seminargestaltung. Gramke beschreibt die Konflikte und begründet zugleich, warum er das Risiko eingeht, es anders zu ma-
chen als üblich.1

Am 4. Oktober legt K.F. Günther zum Erntedankfest 9.870 Brotscheiben im Aktionsraum 1 in der Isarvorstadt aus. Gleichzeitig schickt der Künstler einen offenen Protestbrief an den Landwirt-
schaftsminister Josef Ertl in Bonn, indem er die Lebensmittel-Überproduktion, die Subventionen aus Steuermittel für die Landwirtschaft und die verheerende Preisgestaltung von Lebensmitteln auf den Weltmärkten anprangert. Bis zum Abriss der Halle am 19. Oktober bleibt das Brot, das vom Publikum betreten wird, liegen. Zeitgleich findet in München die Sammlung „Brot für die Welt“ statt.2

BIAFRA

14. Januar: Für Biafra.3

VIETNAM, KAMBODSCHA und USA

Eintausendvierhundert Bürger nehmen am 21. Januar an zwei Demonstrationszügen gegen den Vietnamkrieg teil. Die „Aktion Vietnam International“ zieht von der Frauenkirche mit Fackeln zur Abschlusskundgebung in den Bavariakeller an der Theresienhöhe 7. Hier spricht Willi Baumann, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Druck und Papier und fordert den „sofortigen und bedin-
gungslosen Abzug der Amerikaner aus Vietnam“. Das „Vietnam-Komitee für Frieden und Befrei-
ungskampf“ zieht zusammen mit dem Uni-AStA, den ABG und der Roten Garde (KPD/ML) von der Ludwig-Maximilians-Universität am Geschwister-Scholl-Platz 1 zum Rindermarkt, wo sie sich dem anderen Marsch anschließen, jedoch eine eigene Abschlusskundgebung vor dem Bavariakel-
ler
unter dem Motto „Sieg im Volkskrieg“ durchführen.4 Schon bei den Parolen gegen den Viet-
namkrieg zeigt sich die unterschiedliche Herkunft der Protestierenden. Pazifisten und die eher der Sowjetunion Zugeneigten fordern „Amis raus aus Vietnam“, die der Volksrepublik China Zugeneig-
ten rufen „Sieg im Volkskrieg“.

Der Konflikt tobt sich auch auf Plakaten aus. Eine Schablone dient dazu, mit Hilfe einer Spraydose möglichst schnell den korrekten Schriftzug auf pazifistischen Plakaten anzubringen.5

Die Roten Zellen, ASten der Universität und TH und der MSB-Spartakus (DKP) veranstalteten am 6. Mai im Hörsaal 201 der Universität ein „Vietnam-Laos-Kambodscha-Teach-in“. – Dreitausend Studenten, Schüler und Arbeiter demonstrieren am 8. Mai nach einer Großkundgebung vor der Universität gegen die Ausweitung des Vietnamkrieges auf Kambodscha und legen die Innenstadt lahm. Auf einer Zwischenkundgebung des „Komitees Vietnam International“, das vom Platz der Opfer des Nationalsozialismus zum Hackerkeller an der Theresienhöhe 4 demonstriert, spricht Conrad Schuhler. Auf der anschließenden Demo der Roten Zellen und Roten Garde gehen im Steinhagel dreiundzwanzig Schaufensterscheiben amerikanischer und deutscher Banken, der PAN AM-Niederlassung und von General Motors zu Bruch. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei gibt es Verletzte. Die Jusos haben ein Flugblatt, das zur Demonstration aufruft und das die (sozial-
demokratische) Bundesregierung als „Komplizin von Völkermördern“ bezeichnet, mit unterschrie-
ben.6

Das Engagement gegen den Vietnamkrieg ist ungebrochen und findet auch an Orten statt, die man zunächst nicht erwartet.7

Fast 1.000 DM bringt eine Kunstauktion im großen Saal des DGB-Hauses am 30. November zu-
gunsten der Aktion „100.000 DM für Vietnam“ ein.

8

„Freiheit für Angela Davis!“ fordern rund zweihundert Studenten am 19. Dezember auf einer Protestversammlung im Oskar-von-Miller-Polytechnikum. Ein Mitglied der „Black-Panther-Bewegung“ informiert über die Rassendiskriminierungen in den USA.

ISRAEL und PALÄSTINA

Am 9. Februar stürzt ein Flugzeug der United Arab Airlines kurz nach dem Start in Riem ab. Am 10. Februar versuchen Mitglieder der Action Organisation for Liberation of Palestine (AOLP) eine israelische Linienmaschine auf dem Münchner Flughafen zu entführen. Ein Israeli stirbt, acht Menschen werden verletzt. Am 13. Februar brennt das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde
in der Reichenbachstraße.9 Am 17. Februar werden in München-Riem drei bewaffnete Araber festgenommen. Diese Vorfälle bilden Auslöser für eine mediale Berichterstattung vor allem in der Springer-Presse, die eine aggressive Pogromstimmung gegen Araber, Ausländer und Linke beför-
dert.10 Am Freitag, 20. Februar, nimmt die Polizei bei Razzien zwölf Araber fest. Samstag, 21. Februar: Zweihundertfünfzig arabische Studenten, Mitglieder der Roten Garde (KPD/ML) und einige „antizionistische“ Juden demonstrieren in der Innenstadt gegen den Besuch des israelischen Außenministers Abba Eban in München wegen der „militaristischen, aggressiven, auf ständige Ausdehnung der Grenzen gerichteter Politik der Stärke des nationalzionistischen Israel“.11 (Siehe auch „CSU“.)

Fünfhundert Teilnehmer demonstrieren am 26. September in der Innenstadt für den „gerechten Kampf der Palästinenser“, wozu das Palästina-Komitee und Studentengruppen aufgerufen haben.12

GRIECHENLAND

Am 2. Mai feiern Griechen drei Jahre Militärdiktatur in Griechenland. Wer protestiert, hat es nicht leicht.13

MEXIKO

Unbekannte werfen am 29. Mai zwei Molotow-Cocktails ins Mexikanische Konsulat an der Isma-
ningerstraße, die jedoch keinen Schaden anrichten. Die Tupamaros München™ werden verdäch-
tigt.

IRAN und USA

Im Juli hat der Schah von Persien 35 US-amerikanische Unternehmer zu Gast. Es geht ihm um
die Gründung eines Konsortiums mit dem Ziel der forcierten Exploitation der iranischen Boden-
schätze und der Industrialisierung des Landes. Dagegen kommt es zu Protesten, mehr als Tausend Menschen werden festgenommen, einige von ihnen zu Tode gefoltert, vier Geistliche zum Tode verurteilt.

Sechsundsechzig persische Studenten der Conföderation Iranischer Studenten – National-Union (CISNU) besetzen am 4. August das iranische Generalkonsulat in der Möhlstraße und protestieren mit einem Hungerstreik gegen den Terror in ihrem Heimatland.14 Die Polizei nimmt sie wegen schweren Hausfriedensbruchs fest.15

„Besetzung des iranischen Konsulats in München – Seit dem CIA-Putsch im Jahre 1953 vertieft sich der wirtschaftliche und militärische Einfluss des US-Imperialismus im Iran. Die neueste Me-
thode imperialistischer Ausbeutungspolitik im Iran besteht in der verstärkten Bildung von Kapital-
konsortien. So hat der Schah im vergangenen Monat 35 amerikanische Finanzbosse eingeladen, um ihnen die Gründung eines Konsortiums, das mit dem Grundkapital von 1 Milliarde Dollar in der Elektrizitätsindustrie tätig werden, die landwirtschaftlichen Produkte und Bodenschätze aus-
beuten sowie den Tourismus und die iranische Infrastruktur im Dienste der Unterdrückung för-
dern soll. Das iranische Volk, das gegen den Ausverkauf seines Landes an ausländische Kapital-
herren protestiert, führt seinen Kampf mit verschiedenen Mitteln: Im vergangenen Monat erhoben sich die antiimperialistischen Kräfte gegen die bevorstehende Konzessionsvergabe an das neue Konsortium durch Flugblätter und Protestaktionen. Die Studenten streikten und verweigerten die Abschlussprüfungen. Mehr als tausend Menschen wurden dabei festgenommen, einige von ihnen wurden von der faschistischen Polizei zu Tode gefoltert. Mit der Besetzung des iranischen Konsu-
lats in München am Dienstag, dem 4. August 1970, wollen die persischen Genossen die Verhaf-
tungswelle und das spurlose Verschwinden der Gefangenen anprangern. Es geht ihnen darum, durch den Druck der bürgerlichen Öffentlichkeit das Schah-Regime, das sich darum bemüht, eine demokratische Fassade aufzubauen, vor weiteren massenhaften Verhaftungen zurückschrecken zu lassen. – Text des Solidaritätstelegramms, das an die persischen Genossen in München geschickt wurde: Wir solidarisieren uns mit der Besetzung des persischen Konsulats durch unsere iranischen Genossen. Die Besetzung protestiert dagegen, dass im Iran vier progressive Geistliche zum Tode verurteilt wurden, die gegen die Kollaboration der faschistischen persischen Regierung mit dem US-Imperialismus Stellung bezogen hatten. Wir werden Eure Aktion in jeder Weise unterstützen. KPD/ Aufbauorganisation, proletarische Linke/PI und Rote Zellen an den Westberliner Hoch- und Fachschulen.“16

Hundertundfünfzig persische StudentInnen befinden sich vom 5. bis 7. August im AStA-Gebäude an der Leopoldstraße 15 in einem Hungerstreik gegen die Folterungen und Hinrichtungen politi-
scher Häftlinge im Iran. Fünfhundert Studierende nehmen am 7. August an einer Protestdemo gegen die „Verschärfung des Terrors durch das Schahregime“ im Iran teil.

INDONESIEN

6. September: Die Roten Zellen und der KSB/ML rufen zu einer Protestdemo von der Universität zum Sendlingertorplatz gegen den Besuch des indonesischen Staatspräsidenten Suharto auf, auf dessen Konto über fünfhunderttausend politische Morde, Folterungen und dreihunderttausend Menschen in Konzentrationslagern gehen.

CHILE und USA

Der Kandidat der »Unidad Popular«, Salvador Allende, erhält am 24. Oktober bei der Sitzung des Congreso Pleno die Mehrheit. Als der Chef der chilenischen Armee, René Schneider, sich dem Drängen der USA widersetzt, einen Militärputsch durchzuführen, wird er von einem von der CIA organisierten Kommando am 25. Oktober ermordet. Nach dreijährigen Sabotage- und Destabili-
sierungsaktivitäten führt der Nachfolger Schneiders, General Pinochet, am 11. September 1973 den CIA-Putsch durch. Präsident Allende erschießt sich beim Kampf um die Moneda, das Fußballstadi-
on in Santiago wird zum Gefangenenlager für Zehntausende seiner Anhänger. Tausende Aktivisten linker Parteien und Gewerkschaften werden von Todeskommandos gejagt und umgebracht. US-
Außenminister Henry Kissinger kommentiert das Vorgehen seiner Regierung so: „Ich sehe nicht ein, dass wir zulassen sollten, dass ein Land marxistisch wird, nur weil die Bevölkerung unzurech-
nungsfähig ist.“17

SPANIEN und EUSKADI

Katholische Priester und Laien protestierten am 9. November gegen einen Prozess, den ein Militär-
gericht in Burgos gegen fünfzehn Basken führt.18

Fünfhundert spanische Gastarbeiter, Schüler und Studenten demonstrierten am 5. Dezember gegen den Prozess gegen baskische Widerstandskämpfer der ETA in Burgos und das faschistische Franco-Regime vor dem spanischen Generalkonsulat am Galileiplatz in Bogenhausen, das starke Polizeikräfte abschirmen.19

Fünfhundert Studenten, Lehrlinge und Arbeiter protestierten am 19. Dezember in zwei Demozügen (Jusos mit Franz Marx, MdB, Rudi Schöfberger, MdL und Joachim Schmolcke, MdL und SDAJ) erneut gegen das Franco-Regime und den Prozess gegen die baskischen Widerstandskämpfer in Burgos.20

Die DKP führt am 31. Dezember noch eine Anti-Franco-Demo in der Innenstadt durch und fordert die Aufhebung der Todesurteile für die baskischen Widerstandskämpfer.


1 Siehe „Exemplarisches Lernen und Entwicklung historischer Phantasie“ von Rolf Gramke.

2 Siehe „Aktionsraum 1 – Erinnerungen in Bewegung“ von Alfred Gulden.

3 Vgl. Münchner Merkur 9/1970.

4 Vgl. Süddeutsche Zeitung 19/1970.

5 Siehe „sieg“.

6 Vgl. Süddeutsche Zeitung 110/1970, 125/1970, Abendzeitung 105/1970 und tz 118/1970.

7 Siehe „B. Traven“ von Richy Meyer.

8 Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

9 Bis heute sind die Zusammenhänge unklar: Am 9. November 1969 hätte im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin eine Bombe hochgehen sollen. Allerdings war der Zünder der Bombe, die ein agent provocateur des Verfassungsschutzes für
die Tupamaros Westberlin besorgt hatte, verrostet. Die Katastrophe fand nicht statt. Noch am gleichen Abend kursierte
in Berlin ein Flugblatt unter der Überschrift „Shalom und Napalm“. „Der wahre Antifaschismus ist die klare und einfache Solidarisierung mit den kämpfenden Fedayin. Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten ge-
worden“, lautete der Text.

10 Vgl. Vom Anschlag in Riem zum Anschlag gegen Links. kürbiskern Sonderdruck 2/70, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.

11 Vgl. tz 44/1970.

12 Vgl. Süddeutsche Zeitung 232/1970.

13 Siehe „Kleiner Unterschied“.

14 Fotos von Dimitri Soulas, Fotomuseum. Siehe „Kapuzenmänner aus Persien“ von Heinz Rabbow.

15 Siehe „Solidarität mit den persischen Genossen!“.

16 Rote Presse Korrespondenz 76/77 vom 7.8.1970, 18.

17 Zit. in www.gegenstandpunkt.com/msz/html/88/88_11/suedam.htm.

18 Vgl. Süddeutsche Zeitung 268/1970.

19 Vgl. Süddeutsche Zeitung 292/1970.

20 Fotos von Dimitri Soulas, Fotomuseum