Flusslandschaft 1971

Kunst/Kultur

Siehe auch „SPD“ und „Zensur“.

KINO

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BILDENDE KÜNSTE

1970 bekam der Kunstverein eine neue, progressive Führung. Seitdem sperrt das Kultusmini-
sterium seine Zuschüsse.2

„Der unter neuer, kollektiver Leitung arbeitende Kunstverein München stellte sich im März und April mit seiner ersten Ausstellung ,Sonntagsmalerei und § 117 der Bayerischen Verfassung’ vor. Die Ausstellung zeigt Arbeiten der Gilde der Münchner Sonntagsmaler, konfrontiert mit Modellen und Dokumentationen über die Zustände, die durch die Eigentumsverhältnisse, die Bodenspeku-
lation und die industrielle Umweltzerstörung in der von den Sonntagsmalern gefeierten Natur angerichtet werden. Im Eingang der Ausstellung ein knallblauer, von Stacheldraht abgeschirmter See, über dem Wieland Sternagel, einer der neuen Geschäftsführer des Kunstvereins, ein wand-
großes ,Marterl’ mit dem Text der Bayerischen Verfassung (welcher den Missbrauch von Eigentum gegen öffentliche Interessen einschränken will) und der Darstellung eines ,einfachen Mannes’ malte, der vergeblich Marias Hilfe gegen die Umweltzerstörung erfleht.

Mit selbsterarbeiteten Dokumentationsausstellungen über öffentliche Mißstände will der Kunst-
verein künftig über die gewohnten musealen Absichten solcher Institutionen hinaus. In Vorbe-
reitung befindet sich eine Dokumentation ,Karikatur und politische Justiz – Der Fall Hachfeld’, in welcher die Verfolgung und geplante Ermordung des Westberliner Karikaturisten Hachfeld durch Strauß und die bürgerliche Justiz ausgewiesen wird. Das Bayerische Kultusministerium sperrte aufgrund dieser Initiativen vorläufig sämtliche Zuschüsse. Der neue Münchner Kunstverein steht mit einem Defizit von mehr als 20.000 DM und bei einem Mitgliederschwund auf der konservati-
ven Seite vor außerordentlichen Problemen, will aber durchhalten, zumal die öffentliche Ermun-
terung durch Hilfen der Stadt München und die Solidarität zahlreiche Künstler und Journalisten spürbar wird.“3

Vom 28. September bis zum 31. Oktober zeigt der Kunstverein die in der DDR zusammengestellte Ausstellung „Die ASSO und die revolutionäre bildende Kunst der 20er Jahre“. Stadträte der SPD und der CSU wollen die städtischen Zuschüsse für den Kunstverein nun ebenfalls annullieren. Nur Kulturreferent Dr. Herbert Hohenemser argumentiert für den Kunstverein.4

THEATER

Nach der Aufführung des „Räuber Kneißl“ von Martin Sperr am 20. April beschwert sich der CSU-
Abgeordnete Handlos: „Geschmacklosigkeit, Geschichtsverfälschung“.

Gerhard Polt und Hanns Christian Müller gründen die Tourneetruppe Montage Theater München (MTM). Das erste Stück, das sie aufführen, heißt „Wer beschiss Salvatore G.?“5

Das Münchner Theaterkollektiv (theater k) um Wolfgang Anraths zeigt „Lehrlingsübungen“, „Das Mietenmonstrum“ und „Der Boss sind wir“. Die Gruppe Transparent versucht sich im Straßen-
theater und scheitert.6

MUSIK

Achim Bergmann, seit 1967 aktiv im Trikont Verlag in der Josephsburgstraße 16, gründet hier ein eigenes Musiklabel Trikont — Our Own Voice, das auch 2013 noch sehr lebendig ist.7

FILM

Nach dem Vorbild des Verlag der Autoren gründen Filmemacher einen Verlag, der Produktion, Rechteverwertung und Vertrieb der eigenen Filme organisieren soll, den Filmverlag der Autoren. Erster Geschäftsführer ist Michael Fengler. Gründer sind: Pete Ariel, Hark Bohm, Uwe Brandner, Michael Fengler, Veith von Fürstenberg, Florian Furtwängler, Hans W. Geissendörfer, Peter Lilienthal, Hans Noever, Thomas Schamoni, Laurens Straub, Volker Vogeler, Wim Wenders und Rainer Werner Fassbinder. Allerdings kümmern sich die Filmemacher, die einen weltweiten Ruhm der Münchner Filmkunst begründen, nicht um die lukrativen Weltrechte. Nachdem Rudolf Aug-
stein (Der Spiegel) mit Millionen DM den Filmverlag unterstützt, kommerzialisiert sich dieser, verliert aber auch seine künstlerische Potenz.


1 Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

2 Siehe „Presseinformation des Münchner Kunstvereins“.

3 tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 75/76 vom Juni/Juli 1971, 150.

4 Siehe „asso“.

5 Vgl. Hella Schlumberger, Türkenstraße. Vorstadt und Hinterhof. Eine Chronik erzählt, München 1998, 244.

6 Siehe „Plakatives Theater“.

7 Siehe „Unsere Wurzeln, unsere Stimmen“ von Julian Weber.