Flusslandschaft 1980

Kunst/Kultur

„Kunst ist wirklich die Botschaft der Spannung, des gesellschaftlich nicht Erlösten. Kunst ist in
der Tat das große Reservoir des geformten Protestes gegen das gesellschaftliche Unglück, der die Möglichkeit des gesellschaftlichen Glücks durchschimmern lässt …“1

BILDENDE KUNST

Das Lenbachhaus hat das Environment „Zeige deine Wunde“ von Joseph Beuys angekauft, eine Arbeit, die im Februar 1976 in den Galerieräumen unter der Maximilianstraße ausgestellt war. Seitdem kocht die Volksseele, „ein Volksempfinden, das offenbar vor allem von der Ungeheuer-
lichkeit genährt wurde, dass dieser Bildhauer nicht mit Marmor und Stahl, sondern mit Filz und Fett arbeitete: Journalisten, wie der Kolumnist Siegfried Sommer, nannten Beuys‘ Arbeiten ‚Sperr-
müll‘; Witzbolde, wie der Rundfunkkommentator Bernhard Ücker, schlugen vor, einen mit Exkre-
menten gefüllten Schöpflöffel auf eine Hartfaserplatte zu legen und auszustellen; der CSU-Abge-
ordnete Richard Hundhammer endlich fand für das in Frage stehende Werk die aus der deutschen Kunstdiskussion vertraute Vokabel ,abartig‘ und reichte (vergeblich) eine Aufsichtsbeschwerde bei der Regierung von Oberbayern ein. Musste man sich noch wundern, dass in diesem Klima manch anderer Diskutant überhaupt keinen Grund mehr sah, sich zu genieren? Ein Herbert Müller aus Augsburg, Herrenbachstraße 31, in einem Brief an den Verwaltungschef der Städtischen Galerie, dessen Durchschlag er auch an die SZ schickte: ,Wenn man den Bildband über Beuys sieht, kann man sich nur eine erneute reinigende Buchverbrennung wie 1938 wünschen. Damals wurde durch eine einmalige Tat Schund, Dreck, Kulturverfall und Pornographie (zumeist natürlich von Juden) verbrannt.‘“2

Am Freitag, 25. Januar, findet die Eröffnung einer Beuys-Ausstellung in der Galerie Schellmann & Klüser in der Maximilianstraße statt. „Nun aber – die ersten Gäste der Ausstellung drängen schon herein – nun kommt es zu einem frühen dramatischen Höhepunkt: Ein junger Mann im Skipullo-
ver steht plötzlich neben dem Meister, fragt ihn, ob er Englisch sprechen dürfe, sagt, er habe bis gestern noch nie den Namen Beuys gehört, dann habe ihm ein Bekannter von diesem größten Künstler seit Picasso vorgeschwärmt, woraufhin er sich in einer Kunsthandlung erkundigt habe, wo dieser Mann denn eigentlich auftrete. Da habe die Besitzerin gerufen: ,Um Gottes Willen, dieser Scharlatan!‘ Hier also stehe er, sagt der Skipullover mit deutlich erhobener Stimme, und wolle wis-
sen: ,Are you a genius or a charlatan?‘“ Im Laufe des Abends begegnet der Meister wieder dem Ski-
pullover. „Der sagt, jetzt wisse er endlich die Antwort auf seine vorhin gestellte Frage. ,Sie sind‘, sagt er mit ausgebreiteten Armen, ,weder Genie noch Scharlatan: Gott schütre Sie für Ihre Eigen-
schaft, ein menschliches Wesen zu sein.‘ Beuys sagt, exactly so sei es, und danach lassen sie sich Arm in Arm photograrhieren.“3

Der Feldafinger Schriftstellers und Sammlers Lothar-Günther Buchheim kritisiert im Spätsommer die Museumspolitik des Generaldirektors der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Erich Stein-
gräber. Dieser fühlt sich persönlich angegriffen und will alle expressionistischen Werke, die Buch-
heim im Haus der Kunst als Leihgabe deponiert hat, entfernen lassen. Der Sammler nimmt darauf-
hin seine Bilder und schickt sie auf Tournee rund um den Globus.

FILM

Elfriede Jelinek interviewt Werner Schroeter anläßlich der Verleihung des „Goldenen Bären“ der Berliner Filmfestspiele für seinen Film „Palermo oder Wolfsburg“: „… Jelinek: In dem Film »Paler-
mo oder Wolfsburg« ist Franz Josef Strauß bereits Bundeskanzler. Ist Ihre letzte Hoffnung für Deutschland, daß er es nicht wird? SCHROETER: Meine vorletzte. Jelinek: Und die letzte? SCHROETER: Daß er zerplatzt, weil er so dick ist. Man müßte ihm ja nur ein kleines Bömbchen in Form einer Weißwurst zu essen geben.* Aber eigentlich will ich darüber gar nicht gern reden. Mit einer solchen Mittelmäßigkeit mich auseinanderzusetzen, fehlt mir die Lust. Deshalb hoffe ich, daß er es nicht wird. Ich versteh’ sowieso nicht, wie einer den Ehrgeiz haben kann, Staatsmann zu wer-
den, also so eine Machtposition innezuhaben. Das ist mir vollkommen unbegreiflich. Intellektuell ist es mir schon begreiflich, daß eine bestimmte Gesellschaftsstruktur solche Instanzen hervor-
bringt, aber gefühlsmäßig begreife ich es überhaupt nicht. Denn es ist ja nicht so, daß diese Leute Politiker werden aus so einem hehren Konzept zur Errettung der Menschheit. Die sind ganz ein-
fach nur machtgeil. Jelinek: Sie nicht? SCHROETER: Ich auch, natürlich, aber ich würde die Macht, die ich habe, niemals mißbrauchen, also Leute niemals in eine Abhängigkeit bringen, ohne Ihnen dafür was zu geben. Kultusministerin von Nicaragua: Das wäre die Position, in der ich mich sehen könnte. So eine Machtgeilheit um ihrer selbst willen entsteht doch meist aus einer sexuellen Impotenz. Ich hab’ schon immer behauptet, daß Leute, die ihre Potenz nach außen tragen, indem sie andere unterdrücken, nicht ordentlich ficken können. So war es ja auch beim Hitler. Wenn ich keinen hoch kriege, dann sind die anderen schuld: Das ist das ganze Konzept des Nationalsozia-
lismus …“4 Der Aufschrei läßt nicht lange auf sich warten. Schroeter soll die Oper »Salome« von Richard Strauss in Augsburg inszenieren. CSU-Politiker intervenieren erfolgreich.

LITERATUR

Am 1. und 2. März tagt in München der fünfte Schriftstellerkongress des Verbands Deutscher Schriftsteller in der IG Druck und Papier. Die Äußerung von Franz Josef Strauß über Schriftsteller als „Ratten und Schmeißfliegen“ führt zu Reaktionen.5

Vom 13. September bis 5. Oktober zieht die Aktion „Brecht statt Strauß“ durch die Bundesrepu-
blik.6 Es hagelt Ermittlungen.7

MUSIK

In München tobt der Punk: Erster Todestag von Sid Vicious, Treffpunkt im Damage, Stress mit den 60er Fans, Holzkreuz im Friedhof aufgestellt … Clash spielt im Schwabinger Bräu, Leopold-
straße 82. Am 18. Mai treten Pöbel, Junks, BCX und Desaster, am 27. Juni Krach, Junks, Fehl-
geburt
und Desaster im Stadtteilzentrum Milbertshofen, dem „Milbenzentrum“ in der Nitzsche-
straße 7b, auf.

Vom 11. bis 13. Juli findet hier ein Dreitage-Punkfestival statt: Am 11. Juli Störtrupp, Fehlgeburt, Konsumgeil, Zyklon B (1. Auftritt), TÜV (Weilheim), Nikoteens (Ingolstadt); am 12. Juli Rebels (Schweiz, aber mit Waggy + Ersatzdrummer), Suicides (Erlangen + Porno), Stalinorgel, Ameisen-
säure
, Scum, Scurvy Scratch (Sonthofen), Pöbel (Österreich); am 13. Juli Fehlgeburt, Marionetz, Desaster, Pöbel.

Am 25. Juli spielen im „Milbenzentrum“ Endzeit, TÜV, Konsumgeil, Trotzkis Rache und Niko-
teens
.

20. September: Punkfreitag im „Milbenzentrum“ mit TÜV, The Schrott, Suicide, Konsumgeil. Rockerüberfall mit üblen Verletzungen, danach: Schrott spielen „Schmerzmittel“.

Seit 10.10.1980 ist Achim Bergmann Geschäftsführer von Trikont – Unsere Stimme in der Kist-
lerstraße 1.

THEATER

Alexeij Sagerer, proT: „… Es mag schon sein, dass die Politiker gern ein Volkstheater einsetzen möchten, denn jede Sehnsucht stellt die Politik in Frage und die Politik versuchte jede Sehnsucht zu entmutigen. Aber jede eigene Aussage braucht eine eigene Ästhetik und jede allgemeine Ästhe-
tik enteignet die Aussage wie der Kindergarten das Kind und das eingesetzte Volkstheater das Volk …“8

Richard Hundhammer, bayerischer Landtagsabgeordneter, protestiert im November „in einem Brief an den Münchner Oberbürgermeister Erich Kiesl gegen die Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an Rolf Hochhuth. Hundhammer bezeichnet die Ehrung für Hochhuth als einen ‘Skandal’ und fügt hinzu: ‘… in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit dem Papstbesuch
in München und anderen deutschen Städten müsste eine derartige Ehrung des Verfassers des geschichtsverfälschenden Machwerks ’Der Stellvertreter’ … eine unerträgliche Provokation nicht nur der katholischen Christen in Deutschland und darüber hinaus darstellen.’ Kiesl verteidigt die Vergabe des Geschwister-Scholl-Preises und nennt die Entscheidung der Jury und deren Bestä-
tigung durch den Stadtrat einen ‘Ausdruck der notwendigen Toleranz gegenüber der Meinung der anderen’. Der Preis gelte ausdrücklich dem ausgezeichneten Werk ‘Eine Liebe in Deutschland’, unabhängig von der Person des Autors.“9

(zuletzt geändert am 10.7.2020)


1 Leo Löwenthal, Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel, Frankfurt am Main 1980, 175.

2 Süddeutsche Zeitung 22 vom 26./27. Januar 1980, 3.

3 A.a.O.

4 http://elfriedejelinek.com/andremuller/interview%20mit%20werner%20schroeter.html

5 Siehe „Dies ist auch unser Land!“ von Bernt Engelmann.

6 Siehe „Demokratie made in G.“.

7 Siehe „Kurzinformation über die juristische Lage“.

8 Haidhauser Nachrichten. Monatszeitung für den Münchner Osten 7 vom Juli 1080, 9.

9 Datenbank zum Literarischen Leben in den deutschsprachigen Ländern, www.literarischesleben.uni-goettingen.de/frame_einfachesuche.html.

Überraschung

Jahr: 1980
Bereich: Kunst/Kultur

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