Flusslandschaft 1981

Frieden/Abrüstung

Am 3. Januar – es war sehr wahrscheinlich das Jahr 1981 – zeigt das Cinema in der Nymphen-
burger Straße 31 den ideologisch aufgeladenen, klischeehaften Film „Das Kommando“, in dem die britische Spezialeinheit SAS heroisch als Aufstandsbekämpfungstruppe gefeiert wird. Autonome Friedensfreunde verspritzen im Kino Buttersäure.1

Am 20. Januar wird Ronald Reagan Präsident der USA. Im Frühjahr schließen sich fünfundzwan-
zig politische Gruppen zu den Vereinigten Münchner Friedensinitiativen (VMF) zusammen. Ihr Ziel ist die Verhinderung der Nato-Nachrüstung, eine „atomwaffenfreie Zone“ in Europa und die Auflösung von Nato und Warschauer Pakt.2

8. Mai: „Bei einem von der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) Münchens initiierten Protestzug fordern etwa zweitausend Frauen und Männer ‚Reden statt rüsten!’. Bei der Schlusskundgebung am Marienplatz verliest die Münchner ASF-Vorsitzende Friedel Schreyögg eine Solidaritätserklärung der sozialistischen Fraktion des Europa-Parlaments. Es wird gefordert, den Krieg auszurotten, damit er uns nicht ausrotte.“3

„Rund fünftausend Demonstranten protestieren am 23. Mai auf dem Marienplatz gegen die ge-
plante Aufstellung von Mittelstreckenraketen in Europa und damit auch in der Bundesrepublik aufgrund des sog. ‚Nato-Doppelbeschlusses’ …. Die Aktion der ‚Münchner Bürgerinitiative für Frieden und Abrüstung’, in der auch linke und extremlinke Organisationen … mitarbeiten, steht unter dem Motto: ‚Der Atomtod bedroht uns alle. Keine Atomraketen in Europa!’“4 Auf dem Münchner Marienplatz malen Thomas Rödl und M. Gangkofer demonstrativ ein Bild „Für den Frieden“. Das Bild „Lieber drei Schwellkörper als ein Marschflugkörper“ wird mit der Begründung, es verstoße gegen § 183a, sichergestellt. Der Bußgeldbescheid des Kreisverwaltungsreferats beläuft sich auf 319 Mark.5 Nicht nur die Behörden sind mit der Aktion nicht einverstanden, auch Femini-
stinnen und Feministen protestieren dagegen.6

Am 21. Juni ziehen zwanzig Mitglieder der Gruppe „Ohne-Rüstung-leben“ auf einem „Sühne-
marsch“ vom Marienplatz nach Dachau. Am 22. Juni jährt sich der Überfall auf die Sowjetunion zum vierzigsten Mal. Sie trage Hemden aus Jute, auf denen das Emblem der Gruppe zu sehen
ist. Noch vor dem Karlstor stoppt ein großes Polizeiaufgebot die Gruppe und fordert sie auf, die Hemden auszuziehen, da nach dem Versammlungsgesetz eine Uniformierung verboten sei. Eduard Schrag, der nicht damit einverstanden ist, das Hemd auszuziehen, wird festgenommen, erken-
nungsdienstlich behandelt und erst nach zwei Stunden wieder freigelassen. „…Der Marsch war ein Zeichen der Bedenklichkeit, in einer Zeit, in der niemand mehr die Schuld der Vergangenheit als Mahnung anzunehmen bereit ist, der Vorfall in München, ein Zeichen, dass es schon wieder höchste Zeit ist, den Anfängen politischer Kriminalisierung zu wehren, darum halten wir uns nicht mehr an die Spielregeln, die wir nicht mitbestimmt haben! Lassen wir uns nicht länger von diesem Staat genehmigen, was er uns nicht verwehren kann, ohne sein Polizeistaatsgesicht zu zeigen! Protestieren wir öfter spontan und ohne zu fragen, wie! Rainhart Falter“7

Demonstranten ketten sich am 11. Juli aus Protest gegen die NATO-Nachrüstung an der Marien-
säule an. Einige Gesinnungsfreunde sammeln Unterschriften für den „Krefelder Appell“.

Am 13. August hält die DKP eine Mahnwache vor dem US-Konsulat an der Königinstraße 5 — 7 gegen die Neutronenbombe ab.8 — Am 17. August protestiert die Initiative für Frieden und Ab-rüstung gegen die Neutronenbombe.9

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Am 1. September veranstaltet der DGB traditionell seinen „Antikriegstag“. Diesmal wird besonders deutlich, wie sehr sich die Positionen der führenden Funktionäre von denen der Mitglieder unter-
scheiden. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Erich Frister, beginnt in seiner Rede mit einem Seitenhieb auf die von der DKP unterstütze Friedensbewegung: „Wenn über den Frieden diskutiert wird, dann herrscht an Phrasen kein Mangel. Die Fülle schein-
heiliger Aktionen und Äußerungen entwertet allmählich die Anstrengungen, den Frieden durch Abrüstung sicherer zu machen. Anhänger von politischen Auffassungen, die in ihrem Herrschafts-
bereich zum 1. Mai militärische Schauspiele organisieren und ihre jungen Bürger mit reaktionärem preussischen Stechschritt dressieren, treten hierzulande als antimilitaristische Oberlehrer auf.“ Im Rund des Zirkus Krone entsteht Unruhe. Und einige Sätze später begründet er das Prinzip der mi-
litärischen Abschreckung: „Die Minderheit der Gewalttäter, die andere töten oder töten lassen, muß durch wirkungsvolle Drohung mit der Vernichtung der eigenen Existenz in Schach gehalten werden.“ Erste Zwischenrufe werden laut. Wieder einige Sätze später meint er, in jedem Menschen stecke doch Gewaltbereitschaft, und sagt: „So mancher demonstrierende Friedensfreund prügelt zu Hause Frau und Kind.“ Die Versammlung stöhnt auf, Unruhe macht sich breit. Fristers Worte sind kaum noch zu verstehen: „Die rigorosen Pazifisten haben für die Lösung dieser politischen Aufgabe eine einfache Antwort: Frieden schaffen ohne Waffen. Aber die Vernichtung aller Bomben und anderen Verirrungen menschlichen Erfindungsgeistes schüfe den Frieden noch nicht. Herrscht in der Sowjetunion Frieden? Ist das, was in Argentinien geschieht, Frieden? Mit dem Verzicht auf den Krieg der Nationen ist die Gewalt, sind Folter und Mord durch Mächtige an Ohnmächtigen nicht beseitigt. Die Weltherrschaft derer, die die Waffen behalten, über die, die die Waffen wegwerfen, dies wäre kein Frieden.“ Fristers Worte gehen im Protestlärm unter.11

2. Oktober: „Acht Tage vor einer geplanten großen Friedensdemonstration in Bonn kommen mehr als siebenhundert Menschen im Münchner Penta-Hotel zusammen, um Leitfiguren, Vordenker und Idole der Friedensbewegung zu erleben. Der ‚Initiativkreis Neue Sicherheitspolitik’ hatte zur Podiumsdiskussion ‚Bereit zum atomaren Selbstmord’ geladen. Es diskutieren Frank Barnaby, früherer Direktor des Internationalen Instituts für Friedensforschung in Stockholm, das SPD-
Bundestagsmitglied Erhard Eppler, CSU-Mitglied und Friedensforscher Alfred Mechtersheimer, der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer und der Schriftsteller Carl Amery. So verschie-
den politische Herkunft und geistiger Ansatz der Redner sind, so treffen sie sich in zwei wesent-
lichen Positionen: in der Doktrin von der europäisch-amerikanischen Interessengegensätzlichkeit und in der Überzeugung von der Notwendigkeit einer Volksbewegung zur Verhinderung der Nach-
rüstung.“12 Am 10. Oktober demonstrieren in Bonn 300.000 Menschen für Frieden und Abrüstung – bis dato die größte Friedensdemonstration in der Bundesrepublik. Über der Demonstration kreist ein Flugzeug, das ein Spruchband mit der Aufschrift „Wer demonstriert in Moskau?“ hinter sich herzieht. Gechartert hat diesen Flieger der „Bonner Kreis für Frieden und Sicherheit“, die Bundestagsabgeordneten Mertens (CDU), Horn (SPD) und Möllemann (FDP). Ein Demonstrant dagegen trägt eine Tafel mit der Aufschrift „To be or NATO be“. Siehe auch „Medien“.

Bei der Friedensdemonstration am 15. Oktober nehmen etwa 2.000 Menschen, eine Papprakete und drei Weiß-mit-Gasmaske-Bekleidete teil.


1 Vgl. Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.

2 Siehe „Münchner Friedensbewegung“ von Bernd Schreyer.

3 Stadtchronik, Stadtarchiv München; vgl. Süddeutsche Zeitung 106/1981.

4 Stadtchronik, Stadtarchiv München; vgl. Süddeutsche Zeitung 119/1981.

5 Siehe „Lieber drei Schwellkörper als ein Marschflugkörper“ von Thomas Rödl.

6 Siehe „Leserzuschrift“.

7 Münchner Zeitung 12 vom 15. Juli 1981, 3.

8 Vgl. Süddeutsche Zeitung 185/1981.

9 Vgl. Süddeutsche Zeitung 187/1981.

10 Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

11 Manuskript der Rede, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung; siehe „Tauziehn um den Frieden“ von Ouspensky/Ebermanns.

12 Stadtchronik, Stadtarchiv München.