Flusslandschaft 1983

Rechtsextremismus

Am 9. Januar sammeln sich Mitglieder der Deutschen Volksunion (DVU) im Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz, um ihr Idol Oberst Hans-Ulrich Rudel zu ehren. Rudel wurde von Hitler mit dem „goldenen Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz“ ausgezeichnet, weil er im Zweiten Weltkrieg mit seiner JU 87 bei zweitausendfünfhundertdreißig Einsätzen fünfhundertneunzehn Panzer abgeschossen hat.1

Die „Nationalen Aktivisten“ um Michael Kühnen planen anlässlich des 60. Jahrestages des Nazimarschs der „nationalen Erhebung“ eine zentrale Kundgebung. Proteste aus der Bevölkerung und der Gewerkschaften bewirken, dass die Polizei am Sonntag vor dem 9. November eine Neonazikundgebung auflöst und vierundachtzig Neonazis festnimmt. Am 9. November finden zahlreiche antifaschistische Aktionen statt. Es demonstriert unter anderem ein Bündnis aus Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes — Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), Münchner Kreisverband der SPD, Münchner Bürgerinitiative für Frieden und Abrüstung sowie Sozialistischer Hochschulbund. Bei der Kundgebung sprechen SPD-Landtagsabgeordneter Joachim Schmolcke und VVN-Landesvorsitzender Oskar Neumann. Daraufhin erscheint auch der Münchner Kreisverband der SPD im Sicherheitsbericht des Monats November, das das bayrische Innenministerium monatlich als Grundlage für den jährlichen erscheinenden Verfassungsschutzbericht herausgibt. „Was sollen“, so fragte Schmolcke den Innenminister, „demokratisch engagierte Bürger davon halten, wenn sie sich politisch gegen neonazistische Bestrebungen wehren und dafür dann vom Staatsministerium des Innern als Risiko für die Sicherheitslage in Bayern eingestuft werden?“2 — Im Dezember verbietet das Bundesinnenministerium die „Nationalen Aktivisten“ als kriminelle Vereinigung. Im Januar 1984 wird Kühnen, der eine Ersatzorganisation aufbaut, festgenommen. Gleichzeitig lässt Bundesinnenminister Zimmermann die SS-Organisation HIAG aus dem Verfassungsschutzbericht streichen.

Für manche „Rechte“ findet die von der neuen Bundesregierung versprochene „Wende“ nicht statt. CDU und CSU verspüren „Absetzbewegungen“. Am 26. November wird in der Oberföhringer Gaststätte Bräupfanne die Partei Die Republikaner gegründet. Am Tag danach findet vor etwa 500 bis 700 Menschen — unter ihnen viele CSU-Mitglieder — der Gründungskongress im Ballsaal des Hotels Hilton statt. — „Ihr Gründer Franz Schönhuber (1923 — 2005), ein ehemaliger Offizier der Waffen-SS und populärer Moderator des Bayerischen Rundfunks bzw. Fernsehens, bekennt freimütig: ‘Ich fühle mich ja sehr als Bayer, und das bayerische Volk hat sehr anarchische Züge. Es ist bestimmt kein Zufall, dass wir hier die Räterepublik hatten und ein paar Jahre drauf die Geburtsstunde des Dritten Reiches. Bayern neigen zu Extremen (ich übrigens nicht, da bin ich eher ein Slawe), sind nicht so ’balanced’ wie die Engländer und Nordländer. Auch die bayerische Katholizität ist eine sehr fordernde, revolutionäre, gar nicht zu vergleichen mit diesem schleimigen Kölner Klüngel. Die Bayern, wollen Marienandachten, Wandern mit Weihwasser und Fähnchen vornedran und nebenbei Mädchen vernaschen’; dem gebürtigen Oberbayern gelingt es gemeinsam mit seinem Parteivorsitzenden Franz Handlos, einem Deggendorfer Ex-CSU-Bundestagsabgeordneten, eine beachtliche Anhängerschaft zu mobilisieren (bis zu 4,9 Prozent bei Landtagswahlen); vor allem seine Appelle an die tief wurzelnden Überfremdungsängste seiner Landsleute bescheren ihm lange Jahre Zulauf und gleichzeitig Bayern einen zweifelhaften Ruf.“3

Siehe auch „Medien“.


1 Siehe „Gedenkveranstaltung für Nazi-Militaristen Rudel in München“ Foto: „1916 — Hans-Ulrich Rudel — 1982“, Präsidium der DVU mit David Irving im Löwenbräukeller, abgebildet in: Volksecho (Aachen) 2 vom Februar 1983.

2 antifaschistische rundschau 5 vom Mai 1984, 7.

3 Robert Schlickewitz, Sinti, Roma und Bayern. Kleine Chronik Bayerns und seiner „Zigeuner“, 2008, http://sintiromabayern.de/chronik.pdf, 150.