Flusslandschaft 1977

Frauen

Am 5./6. März findet der „Nationale Frauenkongress“ im Haus International in der Elisabethstraße 87 in Schwabing statt. Erwartet werden zusätzlich dreihundert Frauen, die extra anreisen. Tatsächlich sind etwa tausend Frauen bei diesem Kongress anwesend. „Schwerpunkte: § 218, Selbsthilfe, Frauengesundheitszentren, feministische Therapie, Frauenprojekte, Gewalt gegen Frauen, Lesben- und Frauenbewegung, Frauenbewegung und Linke, Lohn für Hausarbeit, feministischer Alltag.“1 — Auch in Institutionen und Betrieben schließen sich Frauen zusammen. Eva Meier, seit 1990 Vorsitzende des Gesamtpersonalrats des Bayerischen Rundfunks, findet in solch eine Frauengruppe.2

Am 30. April protestieren bei der ersten Münchner Walpurgisnachtdemonstration am Sendlinger-Tor-Platz unter dem Motto „Wir erobern uns die Nacht zurück“ Frauen gegen die Zunahme von Gewaltverbrechen an Frauen.3

Am 13. Mai findet im Schwabinger Bräu, Leopoldstraße 82, „Frauen-Boxen oben ohne“ statt. Feministinnen stellen sich nicht nur an die Eingangstüre und lachen die herbeiströmenden Männer aus. Auch im großen Saal ist es lustig; offenbar hat ein Feminist oder eine Feministin in der Veranstaltung Buttersäure ausgeschüttet.4

Wenn im Mai 1977 Frauen an der Münchner Uni die patriarchalischen Zustände aufs Korn nehmen, dann könnte dieses Kapitel auch unter der Überschrift „Studenten“ abgehandelt werden.5

„Frauenbewegung in Spanien – Das ist das Thema einer Veranstaltung, die am Mittwoch, den 18. Mai um 19 Uhr im Milbertshofener Stadtteilzentrum stattfindet. Sprechen werden drei Vertreterinnen aus verschiedenen Frauengruppen in Barcelona. Sie sind auf einer Rundreise durch die BRD, wo sie in zehn verschiedenen Städten sprechen werden. Eingeladen wurden sie von einer Frauengruppe in Düsseldorf, die auch den Europäischen Frauenkongress am 28. – 30. Mai in Paris vorbereitet. Die Veranstaltung soll auch zur Information über den Kongress dienen. Im Vordergrund steht aber natürlich der Kampf der Frauen in Spanien gegen ihre besondere Unterdrückung. Die Veranstaltung soll einen Überblick geben über die bedeutendsten Frauenkämpfe der letzten Zeit. Gleichzeitig soll über die Beziehung von Frauenkämpfen und anderen Massenkämpfen in Spanien informiert werden, insbesondere über das Verhältnis von Frauenbewegung und Arbeiterbewegung.“6

Am 1. Juli tritt das neue Ehe- und Ehescheidungsfolgerecht in Kraft. Frauen, so suggeriert das neue Recht, sind jetzt gleichberechtigt, nicht mehr „Hausfrauen“, sondern „Ehepartner“. Bei der Scheidung wird nicht mehr nach einem Schuldigen gesucht, es gilt die „Zerrüttung“, wenn beide, Mann und Frau die Scheidung wollen.

Gerade im Kleinen zeigt sich das Jämmerliche besonders groß. Das Blatt versucht Sprachrohr der alternativen Szene zu sein. Sein Kleinanzeigenmarkt ist beliebt, weit über die Szene hinaus. Und so sind auch Anzeigen zu lesen, die den Blatt-Macherinnen und Blatt-Machern überhaupt nicht gefallen. Nur, „sollen wir jetzt auch zensieren?“ Diese Diskussion wird regelmäßig geführt – ohne ein wirklich befriedigendes Ergebnis. Ab und zu platzt den Blatt-Frauen aber der Kragen.7

Die gmiatliche Wiesn ist das größte Volksfest der Welt. Frauen sind hier vor allem als Bedienungen gefragt.8

Im Frauenzentrum wird der Tonfall schärfer. Manche Frauen empfinden ihn als „faschistoid“. Es entsteht eine Kontroverse.9


1 Blatt. Stadtzeitung für München 88a vom 18. Februar 1977, 3, 90 vom 18. März 1977, 6 f., 91 vom 1. April 1977, 10 und 92 vom 22. April 1977, 52 f.

2 Siehe „Frauen treffen sich im Lift …“ von Eva Meier.

3 Siehe Münchner Merkur 100/1977 und „Walpurgisnacht“.

4 Vgl. Blatt. Stadtzeitung für München 94 vom 10. Mai 1977, 7.

5 Siehe „Frauenaktion an der Uni“.

6 Blatt. Stadtzeitung für München 94 vom 10. Mai 1977, 3.

7 Siehe „Haufenweise beschissene Kontaktanzeigen …“.

8 Siehe „Der-16-Tage-Horror-Trip“.

9 Siehe „Frauen ohne Bewegung?“.