Flusslandschaft 1980

Kunst/Kultur

„Kunst ist wirklich die Botschaft der Spannung, des gesellschaftlich nicht Erlösten. Kunst ist in
der Tat das große Reservoir des geformten Protestes gegen das gesellschaftliche Unglück, der die Möglichkeit des gesellschaftlichen Glücks durchschimmern lässt …“1

LITERATUR

Am 1. und 2. März tagt in München der fünfte Schriftstellerkongress des Verbands Deutscher Schriftsteller in der IG Druck und Papier. Die Äußerung von Franz Josef Strauß über Schriftsteller als „Ratten und Schmeißfliegen“ führt zu Reaktionen.2

Vom 13. September bis 5. Oktober zieht die Aktion „Brecht statt Strauß“ durch die Bundesrepu-
blik.3 Es hagelt Ermittlungen.4

THEATER

Alexeij Sagerer, proT: „… Es mag schon sein, dass die Politiker gern ein Volkstheater einsetzen möchten, denn jede Sehnsucht stellt die Politik in Frage und die Politik versuchte jede Sehnsucht zu entmutigen. Aber jede eigene Aussage braucht eine eigene Ästhetik und jede allgemeine Ästhe-
tik enteignet die Aussage wie der Kindergarten das Kind und das eingesetzte Volkstheater das Volk …“5

Richard Hundhammer, bayerischer Landtagsabgeordneter, protestiert im November „in einem Brief an den Münchner Oberbürgermeister Erich Kiesl gegen die Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an Rolf Hochhuth. Hundhammer bezeichnet die Ehrung für Hochhuth als einen ‘Skandal’ und fügt hinzu: ‘… in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit dem Papstbesuch
in München und anderen deutschen Städten müsste eine derartige Ehrung des Verfassers des geschichtsverfälschenden Machwerks ’Der Stellvertreter’ … eine unerträgliche Provokation nicht nur der katholischen Christen in Deutschland und darüber hinaus darstellen.’ Kiesl verteidigt die Vergabe des Geschwister-Scholl-Preises und nennt die Entscheidung der Jury und deren Bestä-
tigung durch den Stadtrat einen ‘Ausdruck der notwendigen Toleranz gegenüber der Meinung der anderen’. Der Preis gelte ausdrücklich dem ausgezeichneten Werk ‘Eine Liebe in Deutschland’, unabhängig von der Person des Autors.“6

MUSIK

In München tobt der Punk: Erster Todestag von Sid Vicious, Treffpunkt im Damage, Stress
mit den 60er Fans, Holzkreuz im Friedhof aufgestellt … Clash spielt im Schwabinger Bräu, Leopoldstraße 82. Am 18. Mai treten Pöbel, Junks, BCX und Desaster, am 27. Juni Krach, Junks, Fehlgeburt und Desaster im Stadtteilzentrum Milbertshofen, dem „Milbenzentrum“ in der Nitzschestraße 7b, auf.

Vom 11. bis 13. Juli findet hier ein Dreitage-Punkfestival statt: Am 11. Juli Störtrupp, Fehlgeburt, Konsumgeil, Zyklon B (1. Auftritt), TÜV (Weilheim), Nikoteens (Ingolstadt); am 12. Juli Rebels (Schweiz, aber mit Waggy + Ersatzdrummer), Suicides (Erlangen + Porno), Stalinorgel, Ameisen-
säure
, Scum, Scurvy Scratch (Sonthofen), Pöbel (Österreich); am 13. Juli Fehlgeburt, Marionetz, Desaster, Pöbel.

Am 25. Juli spielen im „Milbenzentrum“ Endzeit, TÜV, Konsumgeil, Trotzkis Rache und Niko-
teens
.

20. September: Punkfreitag im „Milbenzentrum“ mit TÜV, The Schrott, Suicide, Konsumgeil. Rockerüberfall mit üblen Verletzungen, danach: Schrott spielen „Schmerzmittel“.

Seit 10.10.1980 ist Achim Bergmann Geschäftsführer von Trikont – Unsere Stimme in der Kistlerstraße 1.

(aktualisiert am 23.5.2018)


1 Leo Löwenthal, Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel, Frankfurt am Main 1980, 175.

2 Siehe „Dies ist auch unser Land!“ von Bernt Engelmann.

3 Siehe „Demokratie made in G.“.

4 Siehe „Kurzinformation über die juristische Lage“.

5 Haidhauser Nachrichten. Monatszeitung für den Münchner Osten 7 vom Juli 1080, 9.

6 Datenbank zum Literarischen Leben in den deutschsprachigen Ländern, www.literarischesleben.uni-goettingen.de/frame_einfachesuche.html.