Flusslandschaft 1997

Gedenken

Nach 3½jährigem mittelschweren Kampf ist es Hella Schlumberger gelungen, den Platz zwischen dem Kino Türkendolch und der Türkenschule in der Maxvorstadt nach Georg Elser zu benennen.1 Ein kleines Zusatzschild (in München selten zu sehen) erklärt, dass der „Bürgerbräu-Attentäter“ vom 8. November 1939 Georg Elser hieß. Bei der Platztaufe am 25. Januar reden der Vorsitzende des Bezirksausschusses Klaus Bäumler (CSU), Bürgermeister Hep Monatzeder (Grüne), Manfred Bühl2, der Sohn Georg Elsers, der seine erste öffentliche Rede hält, und Historiker Lothar Grund-
mann, der die Elser-Verhörprotokolle gefunden und veröffentlich hat. Bäumler spricht von einem „bescheidenen Ansatz der Erinnerung“3 an den Widerstandskämpfer gegen Hitler, dessen Bombe vom 8. November 1939 leider den Diktator nicht töten konnte und der am 9. April 1945 im KZ Dachau ermordet wurde.

Die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung war seit März 1995 in achtzehn deutschen und österreichischen Städten zu sehen. Bis jetzt haben 120.000 Menschen die Ausstellung besucht. Mit der Eröffnung am 24. Februar 1997 in den Räumen des Münchner Rathauses wird die von der bayrischen Me-
dienöffentlichkeit bisher kaum beachtete Ausstellung zum Politikum. Zugleich erreicht der Protest von Altnazis und jungen Rechtsextremisten zusammen mit Kreisen aus der CSU, konservativen Gruppierungen und rechten Splitterparteien einen Höhepunkt. Durch Äußerungen wie die Dr. Peter Gauweilers, durch die Ausstellung würden „Millionen Menschen in ihrer Ehre gekränkt“ und Reemtsma solle lieber „eine Ausstellung machen über die Toten und Verletzten, die der Tabak an-
gerichtet hat“, wird eine heftige öffentliche Debatte um die Ausstellung losgetreten.

Am Tag der Ausstellungseröffnung lädt die CSU zu einer Gegenveranstaltung ein. Anwesend sind auch einige Protestierer, unter ihnen Max Brym, die Plakate „gegen das schwarz-braune Bündnis“ hochhalten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Hausfriedensbruch und grobe Versammlungs-
störung. Brym ist offensichtlich der „Rädelsführer“. Gegen zwei Protestierer werden Strafbefehle über 2.700,- Mark verhängt.4

Für den 24. Februar mobilisiert eine „Anti-Diffamierungsaktion München und Oberbayern“ eine Kundgebung auf dem Marienplatz. Veranstalter sind der Bund freier Bürger (BFB) und das „Frie-
denskomitee 2000“ von Alfred Mechtersheimer. Etwa 1.500 Rechtsextreme, Konservative und ehe-
malige Wehrmachtssoldaten protestieren gegen die Ausstellung „Vernichtungskrieg“, werden dabei aber von etwa hundert Antifaschistinnen und Antifaschisten gestört. Die Polizei nimmt siebzehn von ihnen fest.5

Unter dem Motto „Unsere Großväter waren keine Verbrecher“ demonstrieren am 1. März ca. 5.000 Rechte unter der Führung der rechtsextremistischen NPD und ihrer Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) gegen die Ausstellung. Seit Wochen werben sie für diese „Demonstrati-
on des nationalen Widerstands“ und verteilen dafür nach eigenen Angaben 50.000 Flugblätter. Die Demonstration wird zur größten Kundgebung der NPD seit 1970 und von ihr als großer Erfolg ge-
feiert.6 Das CSU-Parteiorgan Bayernkurier spricht im Sinne vieler bekannter CSU-Mitglieder von einem „moralischen Vernichtungsfeldzug gegen das deutsche Volk“ und trägt zusammen mit dem CSU-Politiker Gauweiler die Proteste weit in das bürgerlich-konservative Lager. Sie tragen zur Mo-
bilisierung der rechtsextremen Kundgebung bei. Dem stehen Tausende Menschen entgegen, die sich am 1. März an den Protesten gegen den rechten Aufmarsch unter dem Motto „Die Verbrechen der Wehrmacht können nicht geleugnet werden … Kein Nazi-Aufmarsch in München“ beteiligen.7 Etwa fünfzehntausend Bürgerinnen und Bürger blockieren das Tal, so dass die Rechtsextremen nicht bis zum Marienplatz, dem Ort ihrer geplanten Abschlusskundgebung, gelangen. Die Polizei – es sind 1.500 BeamtInnen im Einsatz – verzichtet angesichts der Entschlossenheit der Münchne-
rinnen und Münchner darauf, den Neonazis den Weg freizuprügeln.8 Nicht alles verläuft friedlich. Eine Punkerin aus Ebersberg wirft zu kurz und damit dem mitdemonstrierenden Richy Meyer ein Ei an dessen schwarzen Hut. Es sieht ziemlich eklig aus. Meyer meint bitter, Frauen sollten nicht mit Eiern werfen. Aber Schlimmeres geschieht auch. Im Gedränge rettet sich Max Brym auf die Motorhaube eines Autos. Nun ist er auch noch wegen Sachbeschädigung dran.9 Die Polizei nimmt 43 Rechtsextremisten und 33 Antifaschisten fest. – „Am 1. März diesen Jahres war Tag der offenen Tür am Käthe-Kollwitz-Gymnasium. Die SchülerInnen waren vom Direktor zur Anwesenheit ver-
pflichtet worden. Das konnte einen Teil der jungen Leute nicht davon abhalten, an den Demonstra-
tionen gegen den Nazi-Aufmarsch an diesem Tag teilzunehmen. Gegen sieben von diesen (die sich erwischen ließen) verhängte der Direktor einen Verweis. Ein schönes Beispiel für Demokratiever-
ständnis und die staatsbürgerliche Gesinnung an Bayerns Schulen. Hier könnte der Direktor von den SchülerInnen was lernen.“10

Die Würmtaler Bürgerinitiative zur Erinnerung an den Todesmarsch von Dachau wird gegrün-
det. Ab 1997 veranstaltet sie jedes Jahr auf der historischen Strecke einen Gedenkmarsch.11 Siehe auch „Gedenken“ 1989.

Am 4. Mai findet in Dachau-Hebertshausen der 52. Jahrestag der Befreiung des KZs Dachau statt. Es singt der Gewerkschaftschor Quergesang.

Am Rande des Lichthofs der Ludwig-Maximilians-Universität am Geschwister-Scholl-Platz 1 ent-
steht im Juni eine „Denkstätte“ für den studentischen Widerstand in der Nazizeit.

August: Hiroshima-Aktion auf dem Stachus.12

Die Vorwürfe häufen sich, dass das Versicherungsunternehmen Allianz nach 1945 Versicherungs-
gelder ermordeter und geflohener Jüdinnen und Juden unterschlagen habe. Außerdem wird im-
mer wieder auf die dubiose Rolle des Konzerns während der Nazi-Zeit hingewiesen. Allianz-Chef Kurt Schmitt war immerhin unter Hitler Wirtschaftsminister. Jetzt geht das Unternehmen in die Offensive und beauftragt den US-Historiker Gerald Feldman, diese schmutzige Seite der Geschich-
te des Konzerns in einer Studie zu erhellen, die 2001 erscheint.13 Und so wird bekannt, dass die Allianz-Chefs mit den Nazis in Verbindung standen, noch bevor diese die Wahlen gewonnen hat-
ten, dass die bereits 1933 größte deutsche Versicherung beinahe alles im Lande und europaweit versicherte, auch das Inventar sämtlicher Konzentrationslager versichert

„In München stirbt am 10. Oktober die aus Trier stammende Schriftstellerin Gerty Spies; die ein-
stige Verfolgte des NS-Regimes hatte über ihre Erlebnisse im Konzentrationslager berichtet (u.a. in: ‘Drei Jahre Theresienstadt’) und damit dazu beigetragen die unmenschliche Atmosphäre auch an nachfolgende Generationen überzeugend und glaubhaft zu vermitteln; von der mehrfach ausge-
zeichneten (u.a. Bundesverdienstkreuz, Schwabinger Kunstpreis) Autorin stammt die Erkenntnis: Was ist des Unschuldigen Schuld? / Wo beginnt sie? / Sie beginnt da / Wo er gelassen, mit hän-
genden Armen / Schulterzuckend daneben steht / Den Mantel zugeknöpft, die Zigarette / Anzün-
det und spricht: / Da kann man nichts machen. / Seht, da beginnt des Unschuldigen Schuld.“14


1 www.munchen.de/ba/03/ba_info/gedenktage.htm

2 Siehe „25. januar“.

3 Haidhauser Nachrichten 2 vom Februar 1997, 14.

4 Vgl. Münchner Lokalberichte 10/11 vom 22. Mai 1998, 3 f.

5 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

6 Siehe „Seit 1994 …“.

7 Siehe „1. märz“ von Cornelia Blomeyer, die Rede von Chaim Frank „Wehrmachtsausstellung – 1. März 1997“ und „Hauptstadt der Bewegung“.

8 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

9 Richy Meyer am 27. Juni 2009.

10 Freidenkerinfo. DFV Ortsgruppe München vom Mai – Juli 1997, 22.

11 Vgl. Friedrich Schreiber: „Der Todesmarsch von Dachau“ in: Forum Politikunterricht. Hg. von der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung – Landesverband Bayern 1 vom März 2011, 18 ff.

12 Fotografien Grete Schaa, Sammlung Friedrich Müller.

13 Gerald D. Feldman, Die Allianz und die deutsche Versicherungswirtschaft 1933 – 1945, München 2001.

14 Robert Schlickewitz, Sinti, Roma und Bayern. Kleine Chronik Bayerns und seiner „Zigeuner“, 2008, www.sintiromabayern.de/chronik.pdf, 166.