Flusslandschaft 1989

Atomkraft

Erst zwei Jahre später wird bekannt, wie sehr die bayrische Staatsregierung und das bayrische Umweltministerium, das eigentlich als Genehmigungsbehörde zur strikten Unparteilichkeit verpflichtet ist, Druck auf acht bundesdeutsche Reaktorgesellschaften ausübt, damit diese die Notwendigkeit des Baus der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf (WAA) betonen. Am 4. Januar bittet die WAA-Betreibergesellschaft DWK die acht Energieversorgungsunternehmen dringend um Unterstützung, damit die WAA 1997 in Betrieb gehen kann. Und sie ergänzt: „Hierzu weist das BStMLU (das Bayerische Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen, d. Red.) darauf hin, dass es zur Erlangung des Sofortvollzugs der 2. TEG (Teilerrichtungsgenehmigung, d. Red.) für die WAA von besonderer Bedeutung ist, dass unbedingt alle KKW (Kernkraftwerke, d. Red.) auch die WAA als Entsorgungsmaßnahme nennen.“1

Die Betreibergesellschaft des AKW Gundremmingen, die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) und die Bayernwerk A.G. beantragen im Januar beim bayrischen Umweltministerium, künftig auch plutoniumhaltige Mischoxid-Brennelemente (MOX-BE) einsetzen zu dürfen. Das Verfahren läuft unter Ausschluss der Öffentlichkeit bis Februar 1991.

„15. Januar: Die Anti-Atomkraft-Initiative David gegen Goliath demonstriert mit Kind und Kegel vor dem bayerischen Umweltministerium am Rosenkavalierplatz. Anlass der Demonstration sind Presseberichte. dass die Betreibergesellschaft der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf den Bau einer 2. Wiederaufbereitungsanlage am gleichen Ort nicht ausschließt.“2

Die Humanistische Union versucht in einer Veranstaltungsreihe Umdenkungsprozesse auszulösen.3

Am 14. März verhandelt der Landtag über die Neufassung der Vorschriften über den so genannten Unterbindungsgewahrsam. Der Fraktionssprecher der GRÜNEN, Hartmut Bäumer, verliest im Plenum folgende Protestnote: „Mit Entsetzen nehmen wir Mütter gegen Atomkraft zur Kenntnis, dass die bayerische Staatsregierung einen weiteren Versuch unternimmt, unsere freiheitlichen Grundrechte einzuschränken. Wir verurteilen auf das Heftigste die Tatsache, dass in Zukunft allein schon der Verdacht, eine Ordnungswidrigkeit zu begehen, ausreichen soll, einen Menschen zwei Wochen in Polizeigewahrsam festzuhalten. Wir bitten den bayerischen Landtag, sich mit der Frage zu beschäftigen, wer unsere Kinder versorgt, während wir Mütter in Unterbindungsgewahrsam sitzen. Denn wir werden uns durch das neue Gesetz nicht abschrecken lassen, auch weiterhin unser Recht auf Demonstrationsfreiheit wahrzunehmen. Deshalb können auch wir Festnahmen in unseren Reihen nicht ausschließen.“4 Diverse Abgeordnete der Regierungspartei sitzen breit grinsend da und gehen daraufhin zur Tagesordnung über.

In den Kreisen der Mütter gegen Atomkraft (MgA) kommt es zu Resignation, zu Zweifeln am Sinn des eigenen Engagements, zu Austritten. Isolde Schröter spricht dagegen.5

Am 13. April verkündet die Abendzeitung, dass es nun entschieden sei, dass die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf nicht fertig gebaut werde unter der Überschrift „Ein Sieg der Vernunft“. Ferdl Miedaner schreibt einen Leserbrief, der gekürzt und entschärft abgedruckt wird.6

Östlich von München befindet sich eine der bestbesuchtesten Wallfahrtsstätten nördlich der Alpen mit dem im Sarg sichtbaren Gerippe des Feldherrn Tilly, mit buntem Devotionalienkommerz und einer reichen Schatzkammer. Bis zu fünfhundert Jahre alte Votivtafeln künden von erfolgreichen Fürbitten, von der Not, die die Menschen damals und heute bedrückte und von einer weit in die Vergangenheit reichenden, tiefverwurzelten Frömmigkeit vieler Menschen:


Sylvia Perner und ihre Eltern aus Neubeuren stiften auf dem
Kapellplatz in Altötting eine Votivtafel. Foto: Helmut Wagner

Je intensiver sich die MgA in die Aktionen der Antiatomkraftbewegung eingliedern, desto häufiger kommen sie in Kontakt mit den unterschiedlichsten Gruppen und deren Traditionen. Gerade Bündnisverhandlungen und der Konsens über einen gemeinsam verfassten Aufruf zu Aktionen sind alles andere als einfach. Zentrales Diskussionsthema wird die Frage des Umgangs mit Gewalt.7

Am 26. April pflanzen die Olchinger MgA anlässlich des 3. Jahrestags der Katastrophe in Tschernobyl symbolisch einen Apfelbaum. Auf einer Tafel steht, „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute mein Apfelbäumchen pflanzen. M. Luther“. — Auch in Pasing demonstrieren die MgA.8

Foto: Cornelia Blomeyer (www.cornelia-blomeyer.de)

„26. April: Zum Gedenken an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die sich heute zum dritten Mal jährt, ziehen rund 1.500 Münchner von Schwabing aus in die Innenstadt. Auf dem Marienplatz setzen zahlreiche Kinder mit Grablichtern das Wort ‚Leben’ aufs Pflaster. Veranstalter der Demonstration ist die Initiative ‚David gegen Goliath’.“9 — Am 3. Mai enthüllen Gröbenzeller Atomkraftgegnerinnen und – gegner am S-Bahnhof Nord um 18 Uhr ein Denkmal und demonstrieren im Anschluss mit der Münchner Ruhestörung durch Gröbenzell zum Freizeitzentrum.10

Politik und Energieversorgungsunternehmen haben tatsächlich entschieden: Die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf wird nicht gebaut. Das ist ein Riesenerfolg für die Gegnerinnen und Gegner der WAA. Aber sie sagen auch, gerade jetzt muss es weitergehen: Eine Verlagerung der Wiederaufbereitung nach La Hague ist auch keine Lösung. Zweihundert Organisationen planen für den 3. Juni eine Demo unter dem Motto „Gegen Atomprogramm und Repression! Keine WAA!“. — „29. Mai: Für Empörung und Protest sorgen Auflagen, unter denen das Kreisverwaltungsreferat eine bereits genehmigte Großdemonstration am 3. Juni in München stattfinden lassen will. Verfügt wurde, dass auf den beiden Demonstrationszügen, die vom Rotkreuzplatz sowie von der Haidhauser Postwiese aus zum Odeonsplatz führen sollen, keinerlei Fahrzeuge mitgeführt werden. Das Verbot bezieht sich dabei nicht nur auf Fahrräder, sondern ausdrücklich auch auf Kinderwagen. Begründet wird das Verbot mit ‚Gefahr für Leib und Leben’ der Kinder. Verboten sei aus dem selben Grund auch die Teilnahme von Rollstuhlfahrern an der Demonstration.“11 — Die MgA planen, als „wandelnde Störfalliste“ zu gehen. Mit Wäscheklammern werden an einer langen Wäscheleine Zettel mit „N“ und „E“ befestigt. 1987 wurde in der Bundesrepublik 282 Normal-Störfälle und 11 Eil-Störfälle registriert. — Am 3. Juni findet die bundesweite Anti-WAA-Demonstration in München statt. Für den selben Tag plant der Vorsitzende der Deutschen Volks-Union (DVU), Gerhard Frey, eine Europawahlkampfveranstaltung für 10 Uhr auf dem Marienplatz. Viele Anti-WAA-Demonstranten stehen diesmal früher auf und stören die Kundgebung der DVU.12 Zum Odeonsplatz ziehen am Nachmittag des 3. Juni aus Haidhausen 2.000 Menschen, vom Rosenkavalierplatz kommen 120 Radler, vom Rotkreuzplatz etwa 5.000 Menschen. Hier spricht unter anderem Ingrid Strobl.13 Heftiger Regen zwingt die Veranstalter, die Kundgebung auf dem Odeonsplatz vorzeitig abzubrechen.14

„Tohuwabohu in Ohu“ am 1. September um 15 Uhr vor dem Haupttor des KKW Isar 1 bei Landshut.

„4. September: Rund 50 Mitglieder der Initiative ‚David gegen Goliath’ demonstrieren vor dem Verwaltungsgebäude der Bayernwerke in der Nymphenburger Straße gegen die Wiederinbetriebnahme des Atomkraftwerks Isar I. Die Demonstranten fordern, dass das Atomkraftwerk nicht ans Netz gehen soll, bevor nicht die letzte von acht im Reaktorkern befindlichen Stahlkugeln entfernt worden ist. Die Demonstranten übergeben einen Brief, in dem Fachleute die möglichen Gefahren beschreiben, die von den Stahlkugeln ausgehen können.“15

Die MgA aus Isen schreiben im Oktober an Finanzminister Tandler und erläutern ihm, dass Atomstrom alles andere als billig ist. Tandler antwortet am 22. Dezember mit einem offenen Brief, auf den der Münchner Merkur, die Süddeutsche Zeitung und der Bayerische Rundfunk eingehen. Mona Summers, die Vorsitzende der MgA, antwortet im Januar 1990 ebenfalls mit einem offenen Brief.16


1 Zit. in Hannes Krill: „‚Bitte unbedingt die WAA nennen’ – Wie die Regierung mit der Kernindustrie paktiert hat“ In: Süddeutsche Zeitung 29 vom 4. Februar 1991, 17.

2 1987 – 1989 hat das Münchner Stadtarchiv Chronikeinträge auf Karteikarten angefertigt. Die unter dem Stichwort „Demonstrationen“ angelegten Einträge sind im Folgenden bis 1989 unter „Stadtchronik, Stadtarchiv München“ eingefügt. Hier: Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 12, 1, 9.

3 Siehe „Zukünfte denken“.

4 Mütter Courage. Zeitung der Mütter gegen Atomkraft e.V. 1/1989, 7.

5 Siehe „Rede auf der Mitgliederversammlung“ von Isolde Schröter.

6 Siehe „Leserbrief abgeschickt, Leserbrief abgedruckt“ von Ferdl Miedaner.

7 Siehe „zur Diskussion: Formen des Widerstands“ von Judith Kaufmann und Mechthild Kaufmann-Ott, Christina Claus, Erika und Stefan Bräunling, Heide Reyer und Ingrid Sandner.

8 Siehe Bilder vom „26. april“ von Cornelia Blomeyer.

9 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 98, 1, 9, 22; siehe „Grußwort bei „Lichter für das Leben“ von DaGG am 26. April 1989“ von Blandine Reuter.

10 Siehe Bilder vom „3. mai“ von Cornelia Blomeyer.

11 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 21, 1.

12 Siehe „Rechtsextremismus“.

13 Siehe „Planierraupe in die Seele“ von Ingrid Strobl.

14 Siehe Bilder vom „3. juni“ von Cornelia Blomeyer und „3.6. Demo: Nachlese und Einschätzung“. Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

15 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 203, 1, 5.

16 Siehe „Offene Briefe“ von Gerold Tandler sowie Mona Summers.