Flusslandschaft 1992
Weltwirtschaftsgipfel
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Die Bundesregierung hat die bayrische Metropole zum repräsentativen Tagungsort des Weltwirtschaftsgipfels der G7 (Regierungschefs und Finanzminister der sieben wichtigsten Industriestaaten der Welt – WWG) vom 6. – 8. Juli erkoren. Dagegen formiert sich Widerstand.2
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Sehr viele Frauen mobilisieren zu Protesten gegen den WWG. Am 8. März organisiert die „Münchner Frauenkoordination gegen den Weltwirtschaftsgipfel“ eine Demonstration mit vierhundert Frauen. Im Anschluss kommt es zu Verhaftungen.4 Auch in anderen Städten wird von Frauen für die Demo in München geworben.
Am 4. April stürmen, nachdem die VeranstalterInnen entschieden haben, keine Polizeibeamten an der Versammlung teilnehmen zu lassen, zwei Dutzend Mitglieder des „Unterstützungskommandos“ (USK) eine Anti-WWG-Veranstaltung im Haidhauser Bürgersaal in der Rosenheimerstraße 123.5
Am Montag, dem 4. Mai, findet die zweite Veranstaltung im Haidhauser Bürgersaal statt. Fünfhundert Besucherinnen und Besucher wollen es nicht zulassen, dass die Polizei ihren Anspruch durchsetzt, im Saal anwesend zu sein, mit Film und Tonband mitzuschneiden und bei „Verstößen gegen Recht und Gesetz“ eingreifen zu können. Nach mehreren Weigerungen der Veranstalter, der Polizei Zutritt zu gewähren, prügeln sich vierzig Beamte des USK durch die Besucherinnen und Besucher in den Saal. Einem Besucher wird der Arm gebrochen, viele Einrichtungsgegenstände werden zerstört. Darauf kommt es zu einer Spontandemonstration auf der Rosenheimer Straße.6
„Am 25. Juni, kurz vor dem WWG, sollte die Großveranstaltung ‚GRENZENLOSE FRAUENPOWER gegen den Weltwirtschaftsgipfel’ mit Beiträgen von Frauen aus Südafrika, Kurdistan und der CSFR und einem Kulturprogramm (Lesung: Aus dem Leben einer bolivianischen Minenarbeiterin, Weiberchor ‚Roter Mohn’, Ausstellung ‚Auf dem Rücken der Frauen’) stattfinden. Wie zu befürchten war, stand schon Stunden vor der Veranstaltung die ganze Straße voller Polizeiautos, auch im Saal sollten wir dann von Polizistinnen bespitzelt werden. Nachdem eine Protestresolution gegen den Polizeieinsatz und die damit verbundene Kriminalisierung der WWG-Gegnerinnen verlesen worden war und ‚Pippi Langstrumpf’ den Polizistinnen einen Kaktus verehrt hatte, wurde die Veranstaltung in einen nicht bespitzelten Raum verlegt.“7
Vom 3. bis 5. Juli findet der „Internationale Kongress gegen den Weltwirtschaftsgipfel 1992“ statt. Nachdem die Zusage, die Hörsäle der Ludwig-Maximilians-Universität dafür benutzen zu dürfen, am Tag vor Beginn des Kongresses zurückgezogen wurde, kann er in kirchlichen Räumen mit etwa Tausend Besuchern stattfinden. Für die aus sechzig Ländern angereisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer heißt das zentrale Motto „No justice – no peace“. Auf dem Gegenkongress findet ein Forum „Demokratie und Menschenrechte in der neuen Weltordnung“ mit internationaler Beteiligung statt. In einer Abschlussresolution der internationalen Gäste wird ein internationaler Kampftag für die Freiheit der politischen Gefangenen und die internationale Zusammenarbeit verabredet und Libertad! gründet, um diese Vorhaben in Deutschland in Angriff zu nehmen.8 — Ein zweiter Kongreß „The Other Economic Summit“ (TOES)/„Enviro Summit“ wird vom 6. bis 8. Juli im City-Kino am Stachus mit 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durchgeführt. Seitdem etabliert sich die Kombination von Alternativkongress und Straßenprotesten.9
Veranstaltungen im Vorfeld der Proteste werden von der Polizei gestürmt. Es kommt zu sechs § 129a-Verfahren, unter anderem wegen eines umgedichteten Pipi-Langstrumpf-Liedes. Die Stadt gleicht über zwei Wochen einem Heerlager. Abertausende Polizisten durchkämmen die Straßen.
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Für Samstag, den 4. Juli, ist eine von rund sechzig Gruppen getragene Großdemonstration geplant.11 Etwa 6.000 Polizisten aus dem ganzen Bundesgebiet sind im Einsatz, bis zu 15.000 Menschen demonstrieren, 52 von ihnen werden festgenommen, etwa zehn werden bei Schlagstockeinsätzen verletzt.
Montag, 6. Juli: Demonstrantinnen und Globalisierungsgegner werden zusammengeschlagen und zu Hunderten eingekesselt und inhaftiert. Der auch von Bürgermeister Ude wahrgenommene „Münchner Kessel“ auf Höhe des Dallmayr-Hauses hinter dem Rathaus, in dem sich etwa fünfhundert Demonstrierende befinden, geht in die Geschichte ein.13 Jutta Dittfurth wird festgenommen, Angelika Lex: „Die haben wahllos auf die Nieren eingedroschen.“ WDR-Mitarbeiter Karl Rössel wird trotz deutlich vorgezeigtem Presseausweis am Max-Joseph-Platz verprügelt. Kurz nach 12 Uhr zerren Polizisten „einzelne Demonstranten aus dem Kessel, brechen deren Widerstand mit äußerster Härte. Auch wenn die Männer oder Frauen bereits schreiend am Boden liegen, lockern die Beamten der Greifkommandos ihren Griff nicht und überdrehen Hand- und Schultergelenke der Festgenommenen, würgen auch jene, deren Hände schon mit Handschellen gefesselt sind. Zuschauer, die das Geschehen empört kommentieren, bekommen die Schlagstöcke zu spüren: ‚Wer näher rankommt, wird umgehauen.’ Ein Polizist droht den Pressephotographen: ‚Wenn Ihr das hier photographiert, reiß’ ich Euch die Filme raus.’ ‚Zammhaun’, fordert ein älterer Mann mit Kamera, während sich fünf Polizisten mit Knüppeln auf einen jungen Mann stürzen, dessen Kopf sie auf das Pflaster geschlagen und dessen Hände sie mit Handschellen gefesselt haben. ‚Ne kleene Frau haben die zu drei Mann geschlagen’, empört sich ein Herr mit sächsischem Akzent, was ihm von anderen Passanten die Replik ‚Geh wieder zruck, wo’d herkumma bist’ einträgt …“14 Herbert Riehl-Heyse: „… Als der Reporter (H. R.-H.) den Polizeipräsidenten auf ein etwa zwölfjähriges Mädchen verwies, das gerade von zwei stämmigen Polizisten mit auf den Rücken gedrehten Armen in den Polizeiwagen gezerrt wurde, bestätigte er, das sei ‚optisch kein guter Anblick’ …“15 Die Eingekesselten müssen allerdings am selben Tag noch freigelassen werden, da sie keine strafbaren Handlungen begangen hatten.
Das vom Polizeipräsidenten und vom Innenminister Stoiber angeordnete rücksichtslose Vorgehen der Polizei wird vom Ministerpräsidenten Max „Amigo“ Streibl am Montag beim „Bayrischen Abend“ für die internationale Presse, nachdem er zu den Klängen des Defiliermarsches ins Hofbräuhaus eingezogen ist, so gerechtfertigt: „Wenn einer glaubt, er muss sich mit Bayern unbedingt anlegen und er muss stören, dass wir dann manchmal etwas härter hinlangen oder durchgreifen, auch das ist bayrische Art. Meine Damen und Herren, jeder muss wissen, wenn er nach Bayern kommt, dass er es eben mit Bayern zu tun hat.“16
Dienstag, 7. Juli: Weitere Demonstrationen mit heftige Auseinandersetzungen finden statt. „… Zwei Männer haben am Rande einer Demonstration der Grünen ein Plakat hochgehalten, ‚Liberalitas Bavariae’ soll darauf gestanden haben und ‚Streibl – Schwarzer Sheriff’ – das genügt, um die beiden vorübergehend in Gewahrsam zu nehmen, weil auf einem Plakat angeblich SS-Runen zu sehen waren … Überprüfen läßt sich nichts, die Plakate seien von der Polizei zertrampelt worden, ein Dutzend behelmter Beamter in schwerer Montur schirmt den Durchgang zum Alten Peter ab … Mal sind es Großeinsätze a la ‚Münchner Kessel’, mal kleinere Eingreifkommandos, mal auch nur zehnköpfige Ziviltrupps, deren Ausstaffierung mit bunten Rucksäcken im offenbar typischen Demo-Teilnehmerstil sie so richtig unauffällig in Straßenecken stehen läßt …"17
„USK-Einheiten werden uniformiert oder in Zivil bei Einsätzen gegen ,Gewaltkriminalität‘ hinzugezogen – bei Fußballspielen, Drogenrazzien oder politischen Demonstrationen. Trotz des immer wieder hervorgehobenen Saubermann-Images (,charakterliche Festigkeit‘) haben sich die USK allzu oft als ,blindwütige Kampfmaschinen‘ erwiesen. So zogen ihre Einsätze während des Weltwirtschaftsgipfels 1992 in München weltweite Beachtung auf sich. Gegen Demonstranten, die die Eröffnungszeremonie mit Trillerpfeifen gestört hatten, wurde nach ,bayrischer Art‘ durchgegriffen. Betroffenenberichte sprechen für sich: ,Einige Meter vor der Kreuzung … sammeln sich … mehrere USK-Beamte an, die sogleich grundlos mit Schlagstöcken in die Demonstration hineinprügeln, innerhalb kürzester Zeit haben sich die USK-Beamten bis zu mir … durchgeschlagen. Zwei Polizisten reißen mich und den Mann neben mir … zu Boden. Nach mehreren Schlägen mit dem Knüppel auf meinen Arm zerren mich die beiden Beamten zur linken Straßenseite an die Hauswand … Jetzt werde ich mit dem Gesicht voran auf den Boden geworfen. Ein USK-Beamter tritt mit dem Fuß meinen Kopf auf den Gehsteig, zwei weitere knüppeln währenddessen auf meinen Rücken … Ein Beamter steigt mit seinem vollen Gewicht auf meine Wirbelsäule …‘“18
Es kommt zu vierhundert Ermittlungsverfahren, zweihundert gegen Eingekesselte, zweihundert gegen andere.19 Im Endeffekt haben die Ereignisse und die Reaktion der internationalen Öffentlichkeit darauf zum Rücktritt des Ministerpräsidenten geführt.
Winfried J. Schindler meint, „… verdächtig war schon jeder, der ein Plakat im Schaufenster hängen hatte, das nicht von den Segnungen des Weltwirtschaftsgipfels angetan war; wer nicht jubeln wollte, sollte wenigsten schmerzlich aufjaulen. Seit Heinrich der Löwe München gründete, ist eine derartige Flut von Durchsuchungen, Beschlagnahmungen, Verboten, Verfügungen und Kontrollen schon im Vorfeld einer Veranstaltung kaum einmal bekannt geworden; selbst die Belagerung der Stadt durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg kann nicht viel unersprießlicher gewesen sein als das, was sich in den vergangenen Tagen in der Landeshauptstadt abspielte … wer zu fragen wagte, ob etwa die Belange der von den Industrienationen jahrhundertelang ausgebeuteten Dritten Welt beim Gipfel angemessen berücksichtigt würden, sah sich als Staatsfeind enttarnt und roch nach Schwefel, unterstützt von Verwaltungsgerichten, deren Urteilsbegründungen sich streckenweise lasen, als habe sie ihnen Edmund Stoiber in die Feder diktiert …"20
Einhundertneunundzwanzig der Eingekesselten erheben am 6. Juli 1993, am ersten Jahrestag des Kessels, Klage gegen den Freistaat. Sie verlangen den symbolischen Betrag von 150 Mark Schmerzensgeld pro Person.21 Im Februar ‘94 bezeichnet das Landgericht München I den Kessel als rechtswidrig und spricht 114 von 126 Klägerinnen und Klägern je 150 DM Schmerzensgeld zu. Der Freistaat legt dagegen beim Oberlandesgericht Berufung ein. „Im Gegensatz zur ersten Instanz untersuchte das OLG seit Mai 1995 überwiegend die Vorgänge im Polizeipräsidium und hörte eine Reihe von Betroffenen an, darunter auch die frühere Bundestagsabgeordnete der Grünen, Jutta Ditfurth. Wie die meisten »Kessel-Opfer« schilderte sie die Bedingungen ihrer Polizeihaft als »entwürdigend«. Zum Beispiel sei das einzige Klo vorn offen gewesen, was sie als »besonders peinlich« empfunden habe: »Ich hatte meine Tage, und Tampons in der Zelle waren nicht erlaubt – angeblich aus Sicherheitsgründen.«“22


Eine 160 Seiten starke Anti-WWG-Doku bietet eine Chronologie der Ereignisse, die den Versuch unternimmt, die gesamte Mobilisierung im Vorfeld, in den Tagen in München und danach zu erzählen. Daran schließen sich jeweils gekennzeichnete Kapitel an, die die einzelnen Ereignisse durch Diskussions- und Redebeiträge sowie Berichte und Kommentare, umfassender darstellen: ₩ Diskussionspapiere im Vorfeld und Aufrufe
₩ Veranstaltungssituation in München
₩ Ost-West-Gipfel in Münster
₩ Mannheimer Antifa
₩ Grußadressen an die Mobilisierung
₩ Ausgewählte Redebeiträge von der Demo und den Aktionstagen
₩ Mobilisierung
₩ Überlegungen der Nachbereitung
₩ Redebeiträge vom Kongreß und Auswertung desselben23
(zuletzt geändert am 29.10.2025)
1 Plakatsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung
2 Siehe „Erste Aktionskonferenz zum Münchner Weltwirtschaftsgipfel 1992“. Zur Vorbereitung und zur Mobilisierung gegen den WWG vgl. Anti-WWG.Doku. Dokumentation zur Mobilisierung gegen den WWG ’92 in München, München 1992, 7.f.
3 Plakatsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung
4 Siehe „Was haben Peter, Pitt und Henry Higgins auf der 8. März-Demo verloren?“.
5 Siehe „Anti-WWG-Veranstaltung – 4. April“.
6 Siehe „Macht und Geld, widewitt“.
7 Stadtratte 12 vom Februar 1993, 13. Siehe „Auszüge aus einem Redebeitrag für die Veranstaltung am 25.6.’92“.
8 Mehr unter www.libertad.de/
9 Das Hickhack um Raumvergaben und die Distanzierung des Bundesvorstands und Landesverbands der GRÜNEN schildert https://taz.de/!1663470/.
10 Privatsammlung
11 Siehe
- Bilder der Demonstration „gegen die herrschende weltordnung“ von Franz Zeitler, Cornelia Blomeyer und Andrea Naica-Loebell,
- „Wir haben euch was mitgebracht: Hass, Hass, Hass“ und
- „Wie kommt man denn zum Weltwirtschaftsgipfel?“.
12 Plakatsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung
13 Am 8. Juni 1986 kam es auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg zum ersten „Kessel“ als polizeitaktischer Maßnahme. DemonstrantInnen mußten acht Stunden lang stehen, bekamen keine Kontaktmöglichkeiten oder Verpflegung und wurden schließlich Zug um Zug erkennungsdienstlich behandelt. Nach dem „Münchner Kessel“ folgten dann der „Göttinger Kessel“, der „Braunschweiger Kessel“ und der „Mainzer Kessel“. Gerichtsurteile erklärten die „Kessel“ regelmäßig als rechtswidrig, was aber im polizeitaktischen Vorgehen nichts änderte. Siehe „Hexenkessel beim Gipfel“; vgl. Publizistik & Kunst. Zeitschrift der IG Medien 4 vom April 1993, 16 und Till Müller-Heidelberg: „Kein Kraut gewachsen gegen vorsätzlich rechtswidriges Handeln der Polizei? Die Polizeistrategie der Einkesselung“ in: Till Müller-Heidelberg u.a.(Hg.), Grundrechte-Report 2007. Zur Lage der Bürger- und Menschenrechte in Deutschland, Frankfurt am Main 2007, 124 ff.
14 Süddeutsche Zeitung 154 vom 7. Juli 1982, 13. Siehe „Viele haben stark geblutet“.
15 Süddeutsche Zeitung 155 vom 8. Juli 1992, 3.
16 Zit. in: Münchner Stadtanzeiger vom 9. Juli 1992, 1.
17 Münchner Stadtanzeiger vom 9. Juli 1992, 3.
18 Bürgerrechte & Polizei. Cilip 72, Nr. 2/2002, 28. Siehe dazu auch „Gipfel brutal und die Gebrüder Grimm“.
19 Siehe „Wie die Freikorps“.
20 Winfried J. Schindler, Der Gipfel der Zumutungen, in: Münchner Stadtanzeiger vom 9. Juli 1992, 1.
21 Siehe
- „Lieber Weiber-Wirtschaft als GeldHERRschaft“,
- „Das ganze Spiel hat System“,
- „Weltwirtschaftsgipfel – München, Juli ’92: Rückkehr zur innenpolitischen Normalität!“ von Johannes Glötzner und
- „Humanistische Union fordert Namensschilder für Polizisten“.
22 Süddeutsche Zeitung 51 vom 1. März 1996, 38.
23 Archiv der Münchner Arbeiterbewegung
Diesen Artikel zitieren
Weltwirtschaftsgipfel. In: Protest in München seit 1945. Stand: 24. Juni 2026. URL: https://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/1022 (abgerufen am TT.MM.JJJJ).