Flusslandschaft 1988

Atomkraft

„30. Januar: Auf dem Marienplatz veranstalten rund 40 Personen mit Attrappen von Atommüll-Fässern ein Happening. Damit wollen sie gegen die Lagerung und Entsorgung von Atommüll demonstrieren. Da die Aktion bei den Behörden nicht angemeldet war, unterbindet die Polizei die Demonstration, bei den meisten der Demonstranten werden die Personalien festgestellt, einige vorübergehend festgenommen.“1

Am Samstag, 6. Februar, demonstrieren die Münchner Antiatom-, Friedens- und Dritte-Welt-
Grupen unter dem Motto „Gegen Atommüllverschiebung & die Inbetriebnahme von OHU II – keine WAA in Wackersdorf“ vom Stachus zum Marienplatz. – „6. Februar: Den langen Samstag, an dem es schon normalerweise zu Verkehrsengpässen in der Innenstadt kommt, benützen verschie-
dene Organisationen zu Durchführung von Demonstrationen. In Anspielung auf einen Atommüll-
Skandal in Hessen, rollen Demonstranten ‘Atommüllfässer’ vom Stachus zum Marienplatz, wo sich etwa 2.300 Gegner der Atomindustrie versammeln. Gefordert wird die sofortige Stillegung aller Atomanlagen.“2 Auf einem Transparent heißt es „Strom ohne Atom – sofortige Stillegung aller Atomanlagen“. Gunver Clements-Höck hält eine Ansprache.3

Ab 22. Februar liegt der „Sicherheitsbericht zur WAA“ sechs Wochen lang in der Gemeindekanzlei Wackersdorf, beim Landratsamt Schwandorf und im Münchner Umweltministerium am Rosen-
kavaliersplatz 2 öffentlich aus. Jede Bürgerin und jeder Bürger hat das Recht, Einwendungen dazu zu erheben.

Am 29. Februar findet der bundesweite „Abschalttag“ statt.

Erika Kiechle-Klemt fotografiert eine Unterschriftensammlung gegen die WAA in der Fußgän-
gerzone am 14. April.4 — Mittwoch, 20. April: Eine Delegation unter Führung des Salzburger Bürgermeisters liefert schon zwei Tage vor Ablauf der Einspruchsfrist 250.000 österreichische Einwendungen gegen den Bau der WAA im Münchner Umweltministerium ab. Die Österreicher befürchteten, an der Einreise nach Bayern gehindert zu werden. — Am Freitag, 22. April, demonstrieren anlässlich der Übergabe von 500.000 Einwendungen an das Münchner Umweltministerium Bürgerinnen und Bürger aus der Oberpfalz auf dem Marienplatz.5

„26. April: Aus Anlass des zweiten Jahrestags der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl veran-
stalten David gegen Goliath und Mütter gegen Atomkraft einen ‚Zug für das Leben’. Der bunte Zug von 2.500 Teilnehmern, darunter rund 1.000 Kinder, marschiert von der Münchener Freiheit zum Marienplatz. wo die Abschlusskundgebung stattfindet. Die Aktion David gegen Goliath will sich nicht damit zufrieden geben, nur mit Demonstrationen an die Auswirkungen der Katastrophe zu erinnern, jeder könne, so heißt es, dazu beitragen, Atomkraftwerke überflüssig zu machen: ‘Intelligente Energienutzung’ heißt die Aktion, bei der zum Stromsparen aufgerufen wird.“6

Die Münchner Gruppe Protestaktionen bis zum Baustopp trifft sich in Erinnerung an den zweiten Jahrestag des Reaktorunglücks in Tschernobyl am 27 April um 14.30 Uhr auf dem Marienplatz und geht von dort im Gänsemarsch mit Tafeln und Transparenten über die Diener-, Maximilian-, Mar-
stallstraße, Altstadtring, Prinzregentenstraße bis zum Nationalmuseum. Die Benutzung des Geh-
wegs vor oder gegenüber der Staatskanzlei ist untersagt. Die Aktion wird jeden zweiten und vierten Mittwoch im Monat wiederholt.

Die Gräfelfinger Mütter gegen Atomkraft (MgA) pflanzen vor der Jugendmusikschule an der Würm am 30. April eine fünf Meter lange Linde.

Am Nachmittag des 8. Mai, Muttertag, versammeln sich Frauen und Männer auf dem Marienplatz. Es spielen die Münchner Bänkelband und die Grünen Minnas, es sprechen Rotraud Beck, Gio Göring, Traudy Rinderer und Lore Schultz-Wild.7

In fünf Sandkästen in Haar wurde im August 1987 eine Strahlenbelastung zwischen 5.636 und 37.762 Becquerel gemessen. Die Haarer Eltern gegen Atomkraft forderten vom Umweltmini-
sterium, den Sand austauschen zu lassen. Umweltminister Dick meint jetzt, der Austausch sei sinnlos, da auch neuer Sand belastet sei. Die Sprecherin der „Eltern“ Judith Robinson: „Wir wehren uns dagegen, bis in einem Langzeitversuch an unseren Kindern der Beweis der Unschäd-
lichkeit des Sandes erbracht werden könnte.“8 – Freitag, 10. Mai 1988: An fünfzig städtischen Kinderspielplätzen stellt das Umweltinstitut München Spitzenwerte von bis zu 40.000 Becquerel Cäsium pro Quadratmeter fest. Dreißig Väter und Mütter ziehen mit ihren Kleinkindern vom Spielplatz an der Reichenbachbrücke ins Rathaus, um bei Bürgermeister Klaus Hahnzog dagegen zu protestieren, dass in Sandkästen von Münchner Spielplätzen immer noch viel zu hohe radio-
aktive Belastungen festzustellen sind. Es sei ein Skandal, dass auch zwei Jahre nach Tschernobyl immer noch nicht überall der Sand ausgetauscht worden sei. – „6. Juni: Mit einer spektakulären Aktion machen Eltern auf die von einem privaten Umweltinstitut festgestellte starke Strahlenbe-
lastung des Sandkastens eines Kindergartens an der Staudinger Straße in Perlach aufmerksam. Sie schütten den Sand aus der Spielkiste des Kindergartens vor den Rathaus-Eingang.“9

Inzwischen kommt es zu 881.000 Einwendungen gegen den Bau der WAA. Zum WAA-Erörte-
rungstermin in Neunburg vorm Wald, der am 11. Juli beginnt, fahren etwa 250 Münchnerinnen und Münchner mit ihren Kindern schon am 10. Juli los. Sie kombinieren ihre in der Versammlung mündlich vorgebrachten Einwendungen mit einem Spaziergang zur Baustelle.10 Eines der Kinder meint bei der Besichtigung der WAA-Festung: „Da müssen ganz schön viele dagegen sein und die da drinnen müssen ganz schön viel Angst haben!“11 – Gudrun Riederer beschreibt in dem Begleit-
brief zu Ihren Einwendungen an die MgA die Vorgänge am 11. Juli in Neunburg v.W. folgender-
maßen: „Ich war über die Vorgänge an 11. Juli 1988 bei der Eröffnung des Erörterungstermins so empört, dass ich dazu etwas sagen musste. Da der Saal viel zu klein war, um die hereinströmenden Einwender zu fassen, standen die Menschen Körper an Körper. Es war eine Hitze über Stunden, zwischen 30 – 35 Grad. Die Menschen rangen nach Luft und hatten teils hochrote, teils käsweiße Gesichter. Fenster und Türen waren bis auf ein Fenster, bei den Sitzen der Behördenvertreter, geschlossen und bewacht. Die Ordnungsleute gingen z.B. gegen den Landrat Schuirer und andere Leute handgreiflich vor. Die Polizei stand demonstrativ vor den Podium und bei den Vertretern der DWK. Sie funkten ständig mit den Sprechgeräten zu weiteren Polizeieinheiten, die draußen zum Einsatz bereitstanden. Die Toiletten im Saal waren geschlossen, nur ein Toilettenwagerl mit einer Toilette war draußen mitten auf dem Platz. Wer dorthin ging, konnte dann nicht mehr in den Saal usw.“12 – Am Nachmittag des 21. Juli sprechen die MgA. Sie verlangen bei konkreten Sachfragen konkrete Antworten.13 Als Antwort meint zum Beispiel ein gewisser Dr. Trott, er könne „bei seiner Ehre als Wissenschaftler“ versichern, dass infolge der WAA kein einziger Leukämiefall bei Kindern auftreten werde … Auf diese und weitere Auslassungen antwortet wiederum Prof. Dr. med. Roland Scholz am 28. Juli.14 – Die „Bürgeranhörung“, die das Umweltministerium am 12. August unter heftigem Protest der Atomkraftgegner überraschend abbricht, wird von vielen Teilnehmern als Farce bezeichnet. Egal, welche Argumente gebracht würden, die Vertreter der Deutschen Gesell-
schaft zur Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen
(DWK) sowie des Umweltministeriums gehen nicht darauf ein, sondern erklären rhetorisch geschickt und pauschal, dass nach ihren Untersuchungen alles in Ordnung sei. Dass inzwischen bei der Siemens-Tochter Kraftwerk Union (KWU) schon Anlagenteile für die WAA in Auftrag gegeben worden sind, bestätigt den Verdacht, dass der Ausgang des scheinbar offenen Genehmigungsverfahrens schon längst fest steht. Anfang 1989 wird bekannt, dass die beim Erörterungstermin vorgelegten WAA-Planungsunterlagen schon längst Makulatur waren. Schon am 30. April, also drei Monate vor Beginn der Anhörung, habe die DWK eine neue Konzeption „Revision 01“ entworfen und mit der Vorlage der alten Aktenlage die Öffentlichkeit getäuscht.

Am Freitag, 9. September, debattiert der Landtag über die WAA-Anhörung. Am Nachmittag protestieren von der Tribüne aus Mitglieder der Oberpfälzer Bürgerinitiativen. Sie zeigen große Buchstaben mit dem Text „WAA – Nein“ und werfen Flugblätter ins Plenum. Landtagsvizeprä-
sident Helmut Rothemund (SPD) lässt die Tribüne von Landtagsbediensteten räumen. Die Ober-
pfälzer gehen daraufhin zu ihrem Bus zurück, werden dort von Polizeikräften umstellt und müssen ihre Personalien angeben.

Dienstag, 13. September 1988: Vor achthundert Zuhörern im Schwabinger Bräu in der Leopoldstraße 82 fordert bei der Veranstaltung „WAA was nun?“ Freda Meissner-Blau, die Fraktionsvorsitzende der österreichischen Grünen „Mehr Glasnost für Bayern“.

Zur Großdemonstration am 15. Oktober in Wackersdorf reisen wiederum Hunderte von Münch-
nerinnen und Münchner an. Wie viele Menschen demonstrieren, ist schwer abzuschätzen. Das Organisationsbündnis redet von 50.000 Menschen, die Polizei von 20.000.15 Ganz offensichtlich sind viele der Demonstranten der Meinung, dass nach dem Tod von Franz Josef Strauß die neue Bayrische Staatsregierung ihr Interesse an der Durchsetzung der WAA verlieren wird. Demon-
stration und Kundgebungen laufen erstaunlich konfliktfrei ab. Der Spott über vergangene glor-
reiche Zeiten aber kommt nicht zu kurz: Dieter Hildebrand bedauert, wie die Gefolgsleute des „Großen Vorsitzenden“ den „Armen richtig nieder trauern“ und befürchtet, dass demnächst nicht nur ein Flughafen, sondern gleich die ganzen Alpen nach FJS benannt werden. Die Biermöslblasn sehen, wie Spaniens Ex-Diktator Francisco Franco und Mao Tse-Tung FJS im Himmel begrüßen, und sie singen weiter, „Der Stammtisch, der wird nett, jetzt wart ma no a weng, dann kummt der Pinochet …“.

Donnerstag, 27. Oktober: Eine Besuchergruppe des Münchner „Arbeitskreises Klima“ besichtigt das WAA-Gelände. Vier Mitglieder von Greenpeace nutzen die Gelegenheit, blitzschnell auf einen sechzig Meter hohen Kranausleger zu klettern und dort ein Transparent mit der Aufschrift „Sonne statt Plutonium“ zu entrollen. Nach langen Verhandlungen erreichen sie, abziehen zu dürfen, wenn die WAA-Betreibergesellschaft DWK auf eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs verzichtet. AtomkraftgegnerInnen sind erstaunt, wie einfach „die bestbewachte Baustelle der Bundesrepublik zu knacken ist“.

Am 1. Dezember berichtet die Initiative Bayerischer Strafverteidiger e.V. über die anstehenden Gesetzesverschärfungen und die Kriminalisierung der Anti-Atomkraft-Bewegung.16

Siehe auch „Bürgerrechte“, „Kunst/Kultur“ und „Schülerinnen“.


1 1987 – 1989 hat das Münchner Stadtarchiv Chronikeinträge auf Karteikarten angefertigt. Die unter dem Stichwort „Demonstrationen“ angelegten Einträge sind im Folgenden bis 1989 unter „Stadtchronik, Stadtarchiv München“ eingefügt. Hier. Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 25, 1, 5.

2 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 31, 1, 5, 11. Siehe Bilder vom „6. februar“ von Cornelia Blomeyer.

3 Siehe „Rede vom 6. Februar“ von Gunver Clements-Höck.

4 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

5 Siehe Bilder von den „500.000 einwendungen“ von Cornelia Blomeyer.

6 Stadtchronik, Stadtarchiv München. Süddeutsche Zeitung 98, 9, 22.

7 Siehe „Rede vom 8. Mai“ von Lore Schultz-Wild.

8 Süddeutsche Zeitung vom 22. Juli 1988.

9 Stadtchronik, Stadtarchiv München. Süddeutsche Zeitung 129, 1, 4, 22.

10 Siehe Bilder von der „waa-erörterung“ von Cornelia Blomeyer.

11 Rundbrief der „Mütter gegen Atomkraft“ vom September 1988, Sammlung Cornelia Blomeyer.

12 Mütter gegen Atomkraft e.V. (Hg.), Reden gegen die WAA, München 1988, 30.

13 Siehe „Rede gegen die WAA IV“ von Mona Summers, „Rede gegen die WAA VI“ von Gio Göring, „Rede gegen die WAA VIII“ von Gunver Clements-Höck und „Rede gegen die WAA XIII“ von Christine Hopf.

14 Siehe „Rede gegen die WAA XVI“ von Professor Dr. med. Roland Scholz.

15 Fotografien Grete Schaa, Sammlung Friedrich Müller.

16 Siehe „Anti-Atom-Bewegung als terroristische Vereinigung?“.