Flusslandschaft 1975
Stadtviertel
Baumaßnahmen bedrohen den Leopoldpark in Schwabing; die Aktion Maxvorstadt sowie einige SchwabingerInnen wehren sich. Am 8. März findet eine Kinderdemonstration statt.1 – „»Theater« um den Leopoldpark – Mit der Aufführung des selbstverfassten Volksstücks »Der Dachs vom Leo-
poldpark« protestierte gestern die Aktion Maxvorstadt gemeinsam mit dem Bund Naturschutz gegen die geplante Bebauung der Grünfläche. Jeder Zuschauer bekam einen Talisman: Kleine Säckchen, gefüllt mit Erde aus dem bedrohten Leopoldpark.“2 Im Sommer glaubt niemand von der Aktion Maxvorstadt und von den Schwabinger Engagierten daran, den Leopoldpark retten zu können; Resignation macht sich breit.3
9. März: Allacher Bürger demonstrieren wegen Eisenbahnkatastrophe.4
Ab 29. April kann das Publikum die drei besten Entwürfe für das in Haidhausen geplante „Gasteig-Kulturzentrum“ im Stadtmuseum bewundern. Immer wieder kommen Menschen, die sich darüber aufregen, dass der beste Entwurf mit 100.000 Mark dotiert ist. Und: Für die veranschlagten 180 Millionen Baukosten könne man hundertachtzig Freizeitheime oder sechstausend Wohnungen errichten. – Seit 1973 versuchte der Haidhauser Bürgerverein den Gasteig in ein Bürgerzentrum umwidmen zu lassen. Schließlich bricht der Verein wegen innerer Konflikte auseinander. Aber im Viertel formiert sich neuer Widerstand, der vor allem die von der Stadt geplante „Sanierung“ kri-
tisch sieht. Natürlich sind viele Häuser renovierungsbedürftig, aber werden sich die Mieter nach der „Aufwertung“ noch die Mieten leisten können?! Im November erscheint die erste Nummer der Haidhauser Nachrichten.5 Die Schlagzeile lautet „Häuser in Gefahr! Wieder soll Wohnraum zerstört werden!“

Im Juni werden in der Fürstenrieder Straße in Laim knallgelbe Flugblätter verteilt.6
Auf der Münchner Freiheit in Schwabing haben sich nicht alle an den Flohmarkt an jedem zweiten Sonntag gewöhnt. Ladenbesitzer beschweren sich, dass am Montagmorgen »Krempel« vor ihrem Geschäft herumliege, Anwohner wollen ihre sonntägliche Ruhe haben, Tapeziertische stünden über Gebühr lange auf gepflegtem Rasen … Wer am Sonntag, 21. September, kommt, hört von Polizisten und Schwarzen Sheriffs: »Gengas hoam!«7 Am 20. Oktober findet dieserhalben eine turbulente Bürgerversammlung im Schwabinger Bräu statt.
Wie das Viertel um den Gärtnerplatz sich verändert hat, beschreibt Maria.8 – Auch der Struktur-
wandel in Giesing ist bemerkenswert.9
Im Lehel soll die betagte Wirtschaft St. Anna-Vorstadt abgerissen werden.10
Am 1. Juli genehmigte der Münchner Stadtrat den Ausbau der Chemischen Werke Bärlocher.11 Drei Wochen später nahm er die Genehmigung, aufgeschreckt von mannigfachen Bürgerprotesten zurück. Nach angedrohten Schadensersatzforderungen der Besitzer der Firma von 150 Millionen Mark hebt der Stadtrat am 18. November nun die Bausperre wieder auf. Bürger der Olympia-Pressestadt demonstrieren noch am selben Tag gegen Bärlocher.12
Wenn junge Touristen Schwabing besuchen und sie kommen aus Laim, sind sie doch überrascht.13
(zuletzt geändert am 30.10.2025)
1 Siehe „Priesterseminar oder Leopoldpark?“.
2 Abendzeitung vom 18. Juli 1975.
3 Siehe „Warum noch Bürgerversammlungen?“.
4 Vgl. Süddeutsche Zeitung 57/1975.
5 Siehe „Blick nach vorne mit der Geschichte im Rücken“ und „Wie alles anfing“ in: Haidhauser Nachrichten 11 vom November 1995, 7 ff.
6 Siehe „Auf gehts, sog i – D’ Hiasl-Gang werd baut!“.
7 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=54, 9.
8 Siehe „Isarvorstädte“.
10 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=54, 15.
11 Siehe „Der Fall Bärlocher … oder von München nach Marckolsheim und zurück“ von Peter Schult.
12 Vgl. Münchner Merkur 266/1975.
13 Siehe „Pech für von-der-Pfordten-Jim“.