Flusslandschaft 1984
Alternative Szene
Einige Aktivist*innen: „… Die Spaltungsversuche in der Friedensbewegung, wie wir sie jetzt überall beobachten, die Distanzierung von Militanten und Autonomen und somit die Schwächung des ge-
samten Widerstandes sind für uns nichts Neues. In München haben wir seit langem eine intelli-
gente und höchst effektive staatliche Maschinerie, die auf Spaltung jeder grundsätzlichen Protest-
bewegung, Isolierung von »Rädelsführern« und vorbeugender Härte gegen jede unkontrollierte Normabweichung spezialisiert ist … Freiheit, für die wir kämpfen, ist nur möglich ohne ein System, das nur mit Polizei, Justiz und Knästen funktioniert.“1 Gefühl und Härte! Wo stehen wir jetzt? Selbstzeugnisse.2
Die alternative Szene bemüht sich bei einer Zukunftswerkstatt am 11. und 12. Februar im Werk-
haus in der Leonrodstraße 19 in Neuhausen herauszufinden, welche gesellschaftlichen Utopien wie umgesetzt werden können.3
In den letzten Jahren entstanden diverse alternative Zentren in München, die mehr oder weniger die Funktionen eines „Infoladens“ besaßen, der als selbstbestimmtes „Büro“ der Szene und als Nahtstelle für verschiedene Spektren der Linksalternativen wirkt. „In den 80er Jahren (im Osten ab Anfang der 90er) sind in immer mehr Städten in der BRD, aber auch international, Infoläden entstanden. Die Entstehung der Infoläden hängt unter anderem damit zusammen, dass der Aus-
tausch und die Diskussion von und über staats- und gesellschaftskritische Themen be- und verhin-
dert wird und wurde – durch die Reproduktion von Macht- und Herrschaftsmodellen durch uns selbst, mittels von Paragraphen wie beispielsweise dem Gesinnungsparagraphen 129 und 129a … Somit sind Infoläden auch ein Versuch, entgegen der kapitalistischen Verwertungslogik zu infor-
mieren, Machtverhältnisse zu thematisieren- und diesen entgegenzutreten.“4 – Anlässlich des in Bonn stattfindenden „Weltwirtschaftsgipfels“ richten etwa sechs bis acht Leute im April 1984 den Infoladen München im Keller der Breisacherstraße 12 in Haidhausen ein.5 Als Anti-Atombüro ist der Infoladen Teil des breiten Widerstandes gegen die WAA. In der Folgezeit dient er als Anlauf-
punkt bei der Kampagne zum Hungerstreik der politischen Gefangenen 1989 sowie 1992 zum Weltwirtschaftsgipfel in München. In den 90er Jahren fungiert er als Zentrum der antifaschisti-
schen Bewegung und des Widerstands gegen den Forschungsreaktor München II. Nach der Jahr-
tausendwende bietet er sozialen Projekten wie dem „Punk-Stammtisch“ und der „Volxküche“ Räumlichkeiten. Zusätzlich steht die Antirepressionsarbeit im Vordergrund. 2002 beteiligt sich der Infoladen trotz Durchsuchung (Beschlagnahme von Computern etc.) als Infopoint an den Aktionen gegen die so genannte „Sicherheitskonferenz“.
Um Erich Zander sind etwa dreißig Menschen im Zentralbüro der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (APPD) in der Ehrengutstraße 16 aktiv.
Am 26. April stirbt Peter Schult, der eine zentrale Rolle in der Münchner alternativen Szene ge-
spielt hat.6
Wer sich in dieser Szene bewegt, macht sich Illusionen, glaubt zuweilen, in der Öffentlichkeit Themen besetzt zu haben, im Diskursgeschehen das letzte Wort oder (mit Antonio Gramski) im vorpolitischen Raum die kulturelle Hegemonie (mehr oder weniger) errungen zu haben. Die Szene ist jedenfalls überschaubar, äußert sich selbstverständlich lautstark, dringt auch in politische Sphären vor und kann sogar Umdenken auslösen. Es sieht so aus. Tatsächlich steht sie erst am Anfang und manche zweifeln, ob sie jemals der ideologiegetränkten Übermacht herrschender Propaganda Paroli bieten kann. Trotzdem sieht es für die konservative und die reaktionäre „Rechte“ bedrohlich aus. „In der Rückschau muß man sagen, daß der Gramscismus nicht ohne Erfolg geblieben ist, zumindest was den ersten Teil des Programms betrifft, die Eroberung des ‚Überbaus‘. Die Kommunisten gingen auf zwei Wegen vor, auf einem ideenpolitischen und einem personalpolitischen. Sie sorgten dafür, daß ihre Leute an wichtigen ,Schalthebeln’ postiert wurden, in der Leitung von pädagogischen Seminaren, in den Kulturredaktionen von Rundfunk und Zei-
tungen, in den Herausgebergremien von wichtigen Verlagsreihen, und gleichzeitig versuchten sie, jede neu aufkeimende Idee sogleich dem marxistischen Dogma anzugleichen oder sie, im Falle der Nichtangleichbarkeit, mit einem derart negativen Tabu zu umgeben, daß niemand mehr wagte, sie in öffentlicher Diskussion zu vertreten. Es kam darauf an, eine Herrschaftsgleichung aufzustellen: ,links und marxistisch = kulturell bedeutsam’, und dafür zu sorgen, daß sie allgemein geglaubt und respektiert würde. Das ist in einigen Ländern auch voll gelungen. In ltalien, dem Ursprungsland des Gramscismus, geht kulturell schon seit langem faktisch nichts mehr ohne den Segen der Kom-
munisten. Und in der Bundesrepublik Deutschland übt die DKP weit über ihre politisch minimale Rolle hinaus einen enormen kulturellen Einfluß aus, dominiert Universitätsseminare, Verlagspro-
gramme und Schriftstellerverbände, verkleistert die Hirne unzähliger junger Nachwuchs-Intellek-
tueller und tabuisiert recht wirkungsvoll Themen, Meinungen und Personen, die ihr oder der Ost-
berliner Zentrale ein Dorn im Auge sind.“7 Der Debattierclub Grèce in Paris propagiert daher einen „Gramscismus von Rechts“, um „die Höhen der Kultur, den so genannte Überbau zu besetzen“. Seitdem entstehen „antilinke“ Thinktanks, die jenseits des primitiven Stammtischgeblökes Schritt für Schritt anspruchsvolle Perspektiven eröffnen, indem sie Formen und Inhalte moderner Narra-
tive adaptieren und so einen Rollback vorbereiten, der für die Mehrheitsgesellschaft akzeptabel ist und auch manche „Linke“ verwirrt und in ihre Reihen zieht.
Am 17. Juni finden die Europawahlen statt. Die Anarchistische Föderation Südbayern ruft zum Boykott auf, „denn wir wollen # keine Gemeinschaft von Kapitalisten und Reaktionären # keine gemeinsame Unterdrückung und Ausbeutung der 3. Welt # keinen gemeinsamen Anspruch auf Osteuropa # keine gemeinsame weltumspannende Interventionspolitik # keinen gemeinsamen bürokratischen Wasserkopf # keinen gemeinsamen Markt für die Monopole # keinen gemeinsa-
men Bankrott von Kleinbauern, Kleinbetrieben usw. … Wir haben kein Wahlprogramm, wir haben eine Alternative, die kann man nicht wählen, sondern nur erkämpfen: # soziale Revolution – europaweit – weltweit # Eine selbstverwaltete Gesellschaft, eine Föderation aus unabhängigen Kommunen und Regionen kann die einzige europäische Gemeinschaft sein, von unten nach oben organisiert … ALLE MACHT DEN RÄTEN — BRECHT DEN STAATEN DIE GRÄTEN !!! BOYKOTTIERT DIE WAHL / WÄHLT UNGÜLTIG !!!“8
(zuletzt geändert am 11.3.2026)
1 Börni, Annette, Ruth, Mathias, Hartmut (Wächtler), Christopher, Lilo, Billy und Andrea (Wolf) mit Beiträgen von Wolfi und Reinhard, Stark sein – stärker werden, München Januar 1984, 7 ff.
2 Siehe „Frisst Dich der Moloch oder mich?“ und „Ausblicke“.
3 Siehe „Zukunftswerkstatt“.
4 „Was sind Infoläden?“ Diskussionstext vom Infoladen LC 36 (Köln), Anschrift: Infoladen LC 36, Ludolf-Camphausen-Str.36, 50672 Köln, e-mail: infoladen.koeln@link-lev.de, www.infoladen.de.
5 Siehe „Wenn morgen die Welt untergeht“ Mitbegründerin des Infoladens ist die 1965 geborene Andrea Wolf, die schon in der Freizeit 81 aktiv war. Sie zog 1986 nach Frankfurt, tauchte 1995 nach einer Vorladung der Bundesanwaltschaft unter und schloss sich 1996 der PKK an. Türkisches Militär erschoss sie 1998 in Kurdistan.
6 Siehe „Die Bayerische Justiz fällt das Todesurteil – die Berliner Justiz vollstreckt es“, „Justiz ohne Gnade“ von Birgitta Wolf, „Justizmord perfekt“ von G. Rossi, „Schicksalhafter Ablauf“ und „Peter Schult …“.
7 Die Welt 129 vom 4. Juni 1984, 17.
8 freiraum. Zeitschrift der anarchistischen Föderation Südbayern 3 vom Juni 1984, 2.